Trau Dich,

sei sein Schaf

Ich bin der gute Hirte

Sie kennen dieses Bild…

Wer vermeintlich etwas auf sich hält, hat dieses Bild auf den Dachboden entsorgt, versucht es auf Flohmärkten zu verkaufen und schüttelt verwundert den Kopf ob solchen Kitsches.

Und ich kenne viele, die sich wähnen, erwachen zu sein, modern, selbstbewusst und aufgeklärt, die haben dieses Bild von der internen Festplatte kindlichen Glaubens gelöscht, oder verbergen es in einer Erinnerungsecke, in die man nur gelegentlich einen Blick wirft.

Wer will heute noch ein Schaf sein?

Sei doch nicht blöd heißt es, sei eigenständig, zieh doch nicht mit der Herde, man will sich doch von der Masse abheben, folge doch nicht dem Ruf eines anderen, du Allein bestimmst.

Auch engagierte Christen verbanden negative Assoziationen mit dem Bild des guten Hirten. Sie vermuteten dahinter eine verordnete Unmündigkeit und einen persönlichen Autonomieverlust. Der Hirte könnte ja was wollen, was ich nicht will.

Liebe Gemeinde,

Ich habe dieses Bild wiederentdeckt auch mit Hilfe meines Hausbibelkreises.

Mehr als die Fremdgelenktheit und den unindividuellen Nachfolgetrieb, war uns im Gespräch das Bild des Trostes, welches der Gute Hirte auslöst.

Eigentlich tut es doch gut, um einen guten Hirten zu wissen.

Eigentlich sehnen wir uns doch auch nach Geborgenheit und der Möglichkeit, sich fallen zu lassen- sich, das eigene Selbst, mit allem Phantastischen und allem Niederschmetternden aufgehoben zu wissen. Warum dann diese Angst, Schaf zu sein in der Herde Gottes?

Ich möchte gerne das auf den Dachboden verbannte Bild abstauben und zurückholen in die Möglichkeit unseres Empfindens.

Mein Herr und mein Gott

Nimm alles von mir was mich hindert zu dir

Mein Herr und mein Gott

gib alles mir, was mich fördert zu dir,

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Selber Ganz sein dürfen, weil ich in ihm sein darf,

um wieviel entspannter und unaufgeregter könnte ich  zu mir und für andere sein.

Er kennt mich. Das ist keine Bedrohung, das ist eine Entlastung, ich muss ihm Nichts vormachen.  Ich muss mich nicht behaupten. Ich muss mich im Druck der Andern nicht immer neu erfinden um originell zu sein. Für ihn, der mich führt in das Land , das keine Grenzen kennt, der weiß , was mir fehlt, der meinen Ruheplatz findet, für ihn bin ich ein Original,

unverwechselbar und einmalig.

Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

Meine Lieben, dieses Hirtenverhältnis ist ein Dialogisches. Das ist eben der berührende Punkt, im wahrsten Sinn des Wortes, für all diejenigen, für die der Gute Hirte unnahbar scheint, für diejenigen, die an der Existenz Gottes zweifeln. Das menschliche Autonomiebestreben hat uns in unserer Grundexistenz vereinsamt. Und als diese vereinsamten auf selbst gewählten Pfaden mit den Schicksalsschlägen des Lebens Hadernden, blöken wir plötzlich nach Gott und wundern uns, dass er uns so fern erscheint. In der Not zweifeln wir, weil wir an den grünen Wiesen, uns nicht haben lieben lassen.

Gott zu kennen, heißt doch auch, sich auf ihn einzulassen und mit ihm in Beziehung zu treten. Spiritualität durchdringt das eigene Leben und wirkt nicht wenn es nur zu abrufbaren Zeitpunkten bereit zu sein hat.

Der Herr ist mein Hirte

und es ist erleichternd, sich von ihm führen zu lassen,

auch wenn ich deswegen Leid und Schmerz nicht verstehe, weiß ich doch um mein Geliebtsein, gerade in Momenten des Verlustes.

Liebe Gemeinde,

auch wenn ich von Amtswegen seit nunmehr 15 Jahren den Titel Pastor trage und ich gestehe ab und zu darauf Wert lege, dass diese Anrede aus Respekt vor diesem Dienst auch verwandt wird, weiß ich doch, dass ich im Sinne des Johannesevangeliums nicht der Pastor, der Hirte bin.

Ich gehöre zu der Gruppe der bezahlten Knechte. Ich kann nicht der perfekte Hirte sein. Ich werde niemals allen alles sein können und immer wieder werden Menschen aus der mir anvertrauten Herde die Erfahrung machen, dass sie sich wie vom Wolf zerrissen fühlen und ich konnte ihnen nicht die Hilfe geben, die sie erwartet haben. Ich bitte Sie und Euch, mir dies zu vergeben!

Der Gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Der bezahlte Knecht gibt soviel seines Lebens wie ihm möglich.

Auch darin liegt der Trost und die Kraft des Bildes vom Guten Hirten. Nicht das „Bodenpersonal“ ist der Hirte.  Wir sind Menschen mit unseren Grenzen. Und wer sein „in der Kirche sein“, und Kirche ist mehr als Menschenwerk- es ist die Lebens- und Kommunikationsgemeinschaft mit Gott, wer diese Gemeinschaft abhängig macht von den bezahlten Knechten, dem mangelt es, entschuldigt bitte, an einem persönlichen Verhältnis zum Hirten, und das ist Jesus Christus allein. Er sammelt die Herde.

Er sammelt die Herde und diese Herde wird viel größer sein, als wir uns das denken. Wir brauchen uns da gar nichts einbilden. Es ist gut, das wir als Kirche und Gottesdienstgemeinschaft mit dem Unaussprechlichen in Beziehung treten. Es ist gut, wenn wir aneinander wachsen und im Alltag solidarisch mit uns und füreinander das neue Jerusalem erbauen. Es ist gut, dass wir als Christen diese Aufgabe übernehmen, aber die Herde für die Jesus Christus der Hirte ist, die wird größer als die Gemeinschaft Kirche sein. Ein Hirte und eine Herde; dies ist Vision und Zusage in Einem. Das Bild des Hirten lebt aus einer Spiritualität der Einheit. Alle Menschen sind eins. Uns verbindet mehr als uns trennt: unsere Ursehnsucht nach Geborgenheit, sich fallen lassen, nach „Schaf sein dürfen“ behütet wunderbar, macht alle Menschen zu einer Herde. Eine Welt, die sich begreift als eine Herde, wie einfach könnte das Leben doch sein.

Liebe Gemeinde,

so ist es doch ein Lebenssignal von Vertrauen und Glauben an das kommende Reich Gottes, wenn wir uns trauen,  Schaf zu sein.

AMEN

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