Predigt zum barmherzigen Samariter

oder

Je süßer Trank, je saurer wird er gären:

Schlimmer denn Unkraut riechts, wenn Lilien schwären.

Shakespeare

Mit den Tagen, da aus der Jesusbewegung eine Organisation entstand und ihre Institutionalisierung an Gewicht gewann, gab sich die Urkirche ein möglichst attraktives und vermeintlich sympathisches, Menschen gewinnendes Leitbild. Hierfür deuten die Wortführer die Geschichte der Begegnung des Ausgeraubten mit dem Mann aus Samarien und überliefern sie als das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und unter diesem Schlagwort, im wahrsten Sinn des Wortes, prägt die junge Kirche eines ihrer grundsätzlichen ethischen Prinzipien. Tragisch ist nach meiner Auffassung nur, dass der wesentliche Kern dieser in der Tat revolutionären Erzählung Jesu dabei völlig außer Acht gelassen wurde und die junge Gemeinde zur Begründung ihrer eigenen existenzstiftenden Fehlleistung sich eine Jesusgeschichte als sinngebende Grundlage nimmt und diese bis heute fast unbestritten gilt. 

Ein Schriftgelehrter fragt Jesus aus Nazareth: wer ist mein Nächster? Wohlgemerkt! Er fragt nicht, wie soll ich mich meinem Nächsten gegenüber verhalten. Sondern wer ist mein Nächster? 

Ein Mann erzählt Jesus ging von Jerusalem nach Jericho hinab. Wer von euch schon mit mir in Israel war kennt diesen Weg. Wer noch nicht kann ihn bei der nächsten Reise kennen lernen. Der Mann kam unter die Räuber und blieb halbtot liegen. Ein Priester und ein Levit kamen des Weges und machten einen Bogen um das am Boden liegende, blutende, schmutzige Opfer des Überfalls. Sie wussten nichts über diesen Menschen. War er Jude oder Heide, fromm oder ein Sünder, dem Gesetz des Mose treu oder ein römischer Kollaborateur. Sichtbar war er unrein, blutverschmiert, röchelnd, den Hauch des Todes atmend. Für einen orthodoxen Tempeldiener ein heikles Unterfangen: eine Berührung konnte ausreichen, um sich rituell unrein zu machen, sich selber mit des Ausgeraubten Sünde förmlich anzustecken und den liturgischen Dienst somit nicht ableisten zu können. Ihre Entscheidung ist abgewogen – sie lassen ihn hilflos liegen. Später werden Christen propagieren, deren Haltung war unbarmherzig. Aus der Sicht des Priesters und des Leviten war es das aber nicht, sondern folgerichtig den religiösen Gesetzen entsprechend. 

Es kam ein Mann aus Samarien. Die Hörer*innen der Worte Jesu erkannten in jenem einen verachteten Außenseiter, einen, der dem Unaussprechlichen nicht im Tempel in Jerusalem huldigte. Und eben dieser ist es, so erzählt Jesus, der dem Ausgeraubten aufhebt, ihn zur Herberge bringt und dort für seine Genesung bezahlt. 

Meine Lieben, jeder der Zuhörer*innen der Worte Jesu wird Verständnis dafür gehabt haben, dass der Priester und der Levit an dem Opfer des Überfalls vorbei gegangen sind. Ob es den beiden damit gut ging oder nicht ist ja spekulativ. Sie trafen aber eine Entscheidung, ebenso wie der Samariter. Vielleicht geht es in der Erzählung des Mannes aus Nazareth ja gar nicht um Barmherzigkeit, sondern vielmehr um das Thema der freien Entscheidung.

Wer ist mein Nächster?

Ein Kernpunkt der Lehre Jesu ist es, dass die Beziehung zwischen Menschen nicht geschuldet, sondern gewählt sein darf. Dies geschieht in Freiheit und indem man sich in leibhafter Gegenwart berührt. Beziehung existiert in der Welt Jesu nicht, weil man sich innerhalb einer Religion, einer gemeinsamen Weltanschauung oder sozialen Klasse begegnet, sondern nach Jesu Lehre, weil man sich dafür frei entscheidet.  Einswerden mit der göttlichen Existenz gelingt nur, wenn ich mich nicht von Kategorien bestimmen lasse, vielleicht sogar von dem was als moralisches Benehmen der entsprechenden Gruppe gilt, sondern bereit bin mich auf Beziehung einzulassen. 

„Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind…“ 

Wer gibt der tue es, weil er es Gott gegenüber tut

Mein Leib für euch gegeben….

Verwandlung geschieht nur im Eintreten in Beziehung, aber nicht im Befolgen von Regeln oder der Einübung eines überlieferten Tugendkataloges. 

Vielleicht mögen sie noch immer fragen, worin ich das eigentlich revolutionäre dieser Aussage Jesu verbirgt? Noch bis vor vielleicht 40 Jahren gingen Katholiken im Norden ins Franziskuskkhs in Flensburg und Protestanten ins DIAKO.  Man lebte barmherzig in und für die eigene konfessionelle Gruppe. 

Keiner der Pegida Demonstranten zweifelt an unserem Sozialstaat. Wahrscheinlich leben die meisten sogar von ihm. Soziales aber nur für die eigene Volksgruppe. Und wie selbstverständlich erhalten die hellhäutigen christlichen Flüchtlinge aus der Ukraine eine ganz andere Aufmerksamkeit, als die seit Jahren auf Anerkennung wartenden muslimisch/ arabischen Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien.

Göttliche Einheit so der Mann aus Nazareth, erwächst, nicht wo Menschen sich als Bürger einer Stadt, Religiöse sich einer Konfession oder politisch Interessierte sich einer gemeinsamen Parteilinie verpflichtet fühlen. Alle diese Abgrenzungen gibt es in der Welt Jesu nicht. 

Das neue Gesetz Jesu besagte eigentlich: tritt aus der Umarmung der Gemeinschaft, die dich kategorisiert heraus. Vollkommenheit gelingt dir im Knüpfen von Beziehung mit wem auch immer. Es geht in der Erzählung nicht darum, wie man sich seinem Nächsten gegenüber verhalten soll, sondern wen der Samariter sich als seinen Nächsten gewählt hat. Die Beziehung, um die es Jesus geht, ist weder erwartet noch geschuldet.

Wie kommt der orthodoxe Jesus aus Nazareth zu dieser Beziehungsethik?

  1. Weil er das alte Volk Israel zu einem neuen Jerusalem führen wollte und zu diesem Volk auch die Samariter gehörten.
  2. Weil der Unaussprechliche der Gott der Freiheit ist.
  3. Weil er nicht daran dachte Religion zu organisieren, sondern den je Einzelnen zur Umkehr und wahren Begegnung mit der Ewigen zu bewegen. Und Anbetracht des nahen kommenden neuen Reiches Gottes gilt es sich jenseits menschlicher Kategorien zu entscheiden und zwar einzig für den EINEN, der einem nur in freier Beziehung begegnet und ausfüllt.

Nicht das wir uns falsch verstehen: das mosaische Gesetz bleibt für Jesus Maßstab und Richtschnur, aber nicht als Einübung guter Taten, sondern als Dialog Gottes mit dem Menschen für die Gewinnung seiner Schöpfungs-ursprungsfreiheit.

Im Geiste Jesu werden der Priester und der Levit nicht moralisch verurteilt. Das gerade ist nicht die Zielrichtung der Erzählung. Es geht nicht um Moral. Es geht um die Letztgültigkeit vor Gott. Das Ich wird zum Ich nur im Du. Dem kollektiven Wir unter einer ethischen Norm geht bei Jesus das Ich voraus. Und das ICH wählt wen es liebt und in dieser voraussetzungslosen Liebe erkennt das ICH Gott den Vater. Die Beispielerzählung vom Samariter eröffnet eine neue Dimension der Liebe und Gottesbegegnung.

Meine Lieben,

Die junge Kirche hat aber aus der Erzählung des Samariters eine Verhaltensregel und ethische Verpflichtung formuliert. Gut und von Gott geliebt ist wer barmherzig ist. Die Wahlfreiheit der handelnden Personen ist von der kirchlichen Tradition ausgeklammert worden. Der Verwandlung durch Beziehung aus Freiheit wurde ihre Qualität entzogen und damit ihre anarchische Dynamik. Anstelle eines neuen Horizontes und eines ganzheit-lichen Ausrichten auf die Ewige, institutionalisiert Kirche die freie Tat des Samariters.  Aus seinem Kategoriensprengenden Gottesbekenntnis formt die Kirche Gesetze und eine Moraltheologie, um Liebe zu verwalten. Anstatt in Beziehungen zu denken, formt christliche Ethik Regeln und diakonale Dienstleistungen. Hierfür benötigt es Geld, Organisation und Macht. Alles was für Jesus aus Nazareth völlig nebensächlich war. 

Zugegeben, diese Strukturen geben Sicherheit und Verlässlichkeit. Aber wenn Liebe sich nicht wagt, ist sie nichts wert, sagt Jesus, das kann jeder, ihr aber riskiert euch einzig für Gotteseinheit.

„Je süßer Trank je saurer wird er gären

Schlimmer denn Unkraut riechts, wenn Lilien schwären. William Shakespiere. 

Aus der Geschichte des Samariters, der sich seinen Nächsten wählte und darin das gesamte Gesetz Gottes fand, formte die Kirche verordnete Barmherzigkeit gelebt in Strukturen der Macht.

Und, meine Lieben, es entwickelte sich die Geschichte des Christentum meiner Ansicht zu einem Über an Moral und Pflicht und einem großen Vergessen für die Narretei der Freiheit. Schon die Zeitzeugen Jesu hielten ihn für verrückt. Insofern richtig, als dass er Maßstäbe verrückte und seine Freunde einlud diesen Tanz der Narretei zu tanzen, um Gott zu ehren. 

Wie wünschte ich mir, wir könnten Religion wieder anfangen zu träumen jenseits eines Dienstleistungsanbieters hin zu einem Beziehungsraum, der jedem Einzelnen seine Schwingen zu öffnen vermag für den Flug zu den Sternen…

AMEN

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