Thomas genannt der Zwilling, einer der Zwölf

Liebe Gemeinde,

die Auferstehungsgeschichten der Evangelien beschreiben einen enormen Umbruch in der Möglichkeit der Menschen, im Leben, auch mit den eigenen schmerzhaften Lebenserfahrungen,  zusammenzuwachsen.

In der Erzählung des Zweifels des Thomas begegnet uns die uns allen immer wieder betreffende Frage nach dem Warum und einem Gott, der Leid zulässt. Wie kann diese Erfahrung, dieser schmerzhafte Bruch der menschlichen Existenz, geheilt werden?

Alles Leid kann dazu führen, dass der menschliche Zusammenhalt zerbricht. Jeder zieht sich in sich selber zurück und verbittert. Am Ende sind Menschen wie hinter verriegelten Türen, Vereinsamte, Trauernde, sich selber Aufgeben-de. Und der Graben, welcher das Leid schlägt, geht nicht nur zwischen Mensch und Mensch. Tiefer reicht die Kluft in der eigenen Person, zwischen Denken und Fühlen, zwischen Verzweifeln und Hoffen, zwischen dem Mut zum Leben und dem Zerbrechen jeglicher Kraft dazu. Der Zweifel des Thomas ist wie der Klageruf einer ganzen Menschheit. Und dann diese hinwegtröstenden Phrasen, die wir alle kennen: die Zeit heilt alle Wunden; das Leben geht weiter; man darf den Kopf nicht hängen lassen; Niemand will das hören. Worte gut gemeint, die aber den Abstand zwischen Menschen nur wachsen lässt. Abstand zwischen denen, die schnell wieder Tritt gefasst haben und denen, Denen das Leid den Boden unter den Füßen gerissen hat.

So ging es auch dem Thomas genannt der Zwilling einer der Zwölf, der aber bei der ersten Auferstehungserfahrung seiner Freunde nicht dabei gewesen ist. Wie hilft man einem Menschen über den Abgrund seiner Verzweiflung, dem das Beste in seinem Leben genommen wurde? Er lässt sich nicht ein X für ein U vormachen. Thomas möchte ja glauben. Sehnsucht und Verlangen verspürt er genug, aber sein Denken verlangt nach Gründen. Zwischen Herz und Hirn, da geht ein Riss, der sich nicht schließen will. Die Zwillingsseiten des Menschen und die Suche nach der inneren Einheit.

Thomas genannt der Zwilling, jeder von uns kennt ihn.

Thomas möchte über seinen Schmerz getragen werden mit etwas, das sich wirklich erfahren lässt. Er möchte nicht belehrt werden, er muss spüren. Er möchte seine Hände in die durchbohrte Hände Jesu legen. Das ist ihm wie ein Beweis.

Hände verkörpern Willensäußerungen. Als Erstes lernt der Mensch zuzugreifen. Kindern auf die Hände zu schlagen verfolgte gerade dieses: du hast kein Recht, dir etwas zu nehmen. Du hast zu bitten, zu warten, aber nicht eigenhändig etwa zu fordern.

An der Seite Jesu durfte Thomas eigenhändig leben. Die durchbohrten Hände Jesu muss er berühren und spüren als wieder lebendig um an das eigene eigenhändige Leben glauben zu dürfen. Das ihm Geschenkte ist nicht wieder festgenagelt worden.

Jeder hat das Recht, die eigenen Hände, die eigene Wunschwelt zu entfalten.

Thomas muss seine Hand auch in die durchbohrte Seite Jesu legen. Sind mit dem Tode Jesu alle Herzenswünsche aufgespießt? Müssen alle wahren Regungen der Herzen in dieser Welt im wahrsten Sinn des Wortes ausbluten? Manchmal reichen schon die Mittel permanenter Ironie, hämischer Besserwisserei und Empathie freier Kritik, um Menschen abzugewöhnen, auf das eigene Herz zu hören. Thomas indessen muss an der Seite Jesu gespürt haben, dass ihm sein eigenes Herz, sein eigenes Gefühl wiedergegeben wurde. Und alles was er verlangt, um zu glauben, ist, wieder so fühlen zu dürfen. Sein Herzensinneres ist nicht mit Jesus ausgeblutet. Das in ihm erweckte, es lebt mit Jesus weiter.

Die Erfahrung, die Thomas macht lässt sich aber weder befehlen noch dogmatisch verordnen. Sie gestaltet sich wie von selbst aus den Händen und dem Herzen Gottes oder eben nicht. Es ist vor allem ein Prozess. Dem Zweifel und der Frage des Warum liegt doch ein enormer Schmerz zu Grunde. Den kann man nicht wegsäuseln mit frommen Sprüchen. Menschen, die die Frage nach dem Warum zermürbt, brauchen eine beliebig lange Zeit, um dem Schmerz Raum zu lassen. Es ist eine sehr sensible innere Erfahrung, die es Thomas gestattet, dass, was ihn in der Gestalt Jesu leben ließ und was ihm durch seinen Tod genommen schien, wiederzufinden,

indem er Schritt für Schritt, Wunde für Wunde, dem Verlust nachgeht. Nur so kann er sich selbst in der Gegenwart als lebend entdecken und Jesus an seiner Seite.

Mein Herr und mein Gott

Glauben bedeutet in dieser Art, ein langsames Reifen zu sich selbst. Der Glaube an Jesus als

Mein Herr und mein Gott

setzt sogar ein heil werden in sich selbst voraus.

Du bist mein Gott

ist das Ergebnis eines Prozesses des mit sich Zusammenwachsens. Dafür erhält Thomas zunächst die Möglichkeit, allem Schmerz, allem Verlust noch einmal gegenüber zu treten und nachzuspüren, bis er fühlt:  Das, was mich meint, was mich leben lässt, ist nicht tot. Ich darf leben, wirklich Ich.

Der Unaussprechliche, der ganz anders Große, er lässt mich, er ermöglicht mein Ich-Sein und er ist nicht tot.

Und niemand von außen ist über diesen inneren Prozess Bestimmer oder Richter.

Liebe Gemeinde,

Thomas ist einer der Zwölf. Auch im Moment, wo er nicht anwesend war, bei der ersten Auferstehungserfahrung seiner Freunde, war er doch Teil der Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft, die sich im Geiste Jesu formte, schloss niemanden aus. Sie gründete sich auch nicht in einem dogmatischen Anspruch. Es war dem Thomas möglich, auch wenn er sich kategorisch weigerte, von den anderen eine ihm selbst fremde Erfahrung zu übernehmen, nicht nur geduldet zu werden, sondern weiter als einer von ihnen betrachtet zu werden. Für die anderen gehörte er weiter dazu – mit seinen Zweifeln, mit seinem „Selber Erfahren Wollen“.

Wie gehen wir heute mit Menschen des Zweifelns um? Wir vermeintlich Gläubigen fühlen uns zunehmend in dieser Welt des Gottvergessens heraus-gefordert, unverstanden und provoziert. Berge an Papier produzieren engagierte Theologen, um die Thomasse von heute zu überzeugen. Ich mache da auch fleißig mit. Alle möglichen Ideen werden entwickelt, um die Auferstehungsbotschaft modern und verständlich weiterzugeben. Und mir geht es jedenfalls so: es ist mühsam und schmerzvoll. Vielleicht liegt es an meiner Ungeduld, vielleicht an der mangelnden Geduld der Kirche, vielleicht an mangelndem Glauben. Denn die Erfahrung des Thomas gestaltet sich von Gott her und dem inneren Prozess, den seine Freunde Thomas erlauben zu durchleben.

Vielleicht müssen wir umdenken.

Ist unser ganzes Bemühen wirklich einladend?

Steckt dahinter nicht vielmehr unser Denken: wir hier drinnen, im verriegelten Raum und die Thomasse da draußen.

Spüren die Thomasse unserer Tage, dass sie dazu gehören, dass ich ihnen ihre Zweifel und ihr „Sehen Wollen“ nicht übel nehme, ihnen gar den Raum und die Zeit lasse, die sie brauchen?

Ja, ich bin ratlos angesichts der zunehmenden Gottvergessenheit, des enormen Glaubensverlustes. Ich und wir müssen aber lernen, das zu ertragen. Nein mehr sogar noch- nicht ertragen, sondern auch die Zweifler sind Erlöste, gehören zu unserer Gemeinschaft, auch wenn sie den Weg in unseren Raum nicht nehmen.

Dass ich mich als erlöst erspüre, kann ich nicht glaubhaft weitergeben, mit krampfigen,  gutgemeinten und gerne immer neu aufgepeppten Versuchen der Glaubensweitergabe. Worte sind wahrlich genug gemacht in den letzten 2000 Jahren. Die Thomasse wollen spüren und nicht belehrt oder neu motiviert werden. Sehnsucht ist ja da!

Vielleicht erspüren die Zweifler etwas von der Botschaft des Auferstandenen, wenn Kirche deren Fragen und Enttäuschungen einfach stehen lässt und verstehen lernt, anstatt dagegen an zu argumentieren und an zu pastoralisieren.

Vielleicht erspüren die Zweifler etwas von der Erlösung, wenn ich nicht  das Gefühl der Enttäuschung und des „ihr Müsst aber“ rüberbringe, sondern vielmehr jedem seine Zeit zubillige, jeden in seinem Schmerz zulasse.

Vielleicht erspüren die Zweifler etwas von Gottes Nähe wenn ich selber aus der Spiritualität lebe: wir sind alle eins. Und nicht ich bewerte, wem sich Gott wie zeigt und wem nicht. Gott ist der Handelnde, Kirche ist eine Einladung.

Liebe Gemeinde,

die Zukunft der Kirche hängt nicht daran, diesen Raum hier wieder zu füllen. Kirche ist unendlich mehr. Das Heil der Auferstehung lässt uns alle eins sein.

Mein Herr und mein Gott

Ich wünsche jedem von uns, dass er und sie so zu sprechen vermag und wir alle es glaubend erfassen mögen, dass dieses Bekenntnis nicht exklusiv ist, sondern inklusiv: jeder Mensch, der den Weltenschmerz teilt, der seine Hände in die Wunden der Welt legt berührt den Schmerz Gottes und ist auf dem Weg der Verwandlung. Wir sind alle eins.

Der Herr ist auferstanden

Er ist wahrhaft auferstanden

Halleluja

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