Predigt am 17. Februar 2019 (Septuagesimä)

Es ist möglich, dass ein Gerechter in seiner Gerechtigkeit zugrunde geht und ein Gottloser lebt lange in seiner Bosheit.

Liebe Gemeinde,

das Wort aus der Sprüchesammlung des Predigers können wir auf zwei Arten verstehen, sofern wir die Konjunktionen „obwohl“ oder „weil“ einfügen.

Seien wir mal ganz ehrlich: das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg – auch nach 2 Jahrtausenden Predigtkultur in christlichen Gemeinschaften empfinden wir dies als ungerecht. So ist die Welt nicht und so können wir sie uns auch nicht vorstellen: Gleichen Lohn für unterschiedliche Arbeitszeit. Die aktuelle politische Diskussion geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn es um ein bedingungsloses Grundeinkommen geht. Reflexartig behaupten viele: es ginge nicht, nicht nach Leistung abzurechnen. So sind wir erzogen: eine Hand wäscht die andere. Auf eine Handlung folgt eine Erwiderung. Ein Tun zieht ein anderes Tun nach sich. Aktion und Reaktion so möchten wir die Welt verstehen und zwar Gleiches auf Gleiches: bin ich gut zu dir, bist du gut zu mir. Blöffe ich dich an erwarte ich auch zurückangeblöfft zu werden. Gebe ich – erwarte ich. Dieses, und jetzt füge ich bewusst hier einen theologischen Begriff ein, „erbsündliche menschliches Miteinander“, hat die Menschheit auch auf das Handeln ihrer jeweiligen göttlichen Instanz übertragen. Ob Menschenopfer bei den Azteken, der Opferung der Erstgeburt in Kanaan bis hinein in die christliche Opfertheologie vom Sohnesopfer am Kreuz, meinen Gläubige bis heute: will ich etwas von Gott, muss ich ihm dafür etwas bieten. Ich erwarte etwas, also muss ich dafür geben. Im Umkehrschluss bedeutet das: na wenn ich gut lebe, wenn ich ein gerechter bin, dann wird mir ja wohl auch Gutes und Gerechtigkeit wiederfahren.

Liebe Gemeinde,

so denkt der Mensch, so denkt aber nicht Gott!

Und wirklich verstanden, ist diese Botschaft sehr radikal. Gott rechnet nicht. Arbeit hat auch nichts mit Leistung zu tun und der Mensch wird in jüdisch/christlichem Verständnis auch nicht für Leistung entlohnt, sondern sein Menschsein macht sein „angesprochensein“ durch Gott aus. Und es müssten die sogenannten christlichen Parteien als Erste sein, die sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzten, um den Menschen aus der ideologischen Umklammerung von Arbeit zu befreien. Der menschliche Wert lässt sich nicht durch Leistung ermessen. Gott gibt bedingungslos. Das ist Gerechtigkeit in den Augen Gottes. D. h. aber auch, das mein eigenes gerechtes Handeln, mein Gutsein ist zunächst „unverzweckt“. Wer meint dafür von Gott belohnt zu werden ist böse auf dem Holzweg und muss zwangsläufig enttäuscht werden, weil Gott eben so nicht handelt.

Wer von Ihnen so denkt, kommt wie Hiob an den Punkt, an Gott zu zweifeln, weil man sein gutes Tun nicht belohnt meint und die kassierten Nackenschläge unverständlich bleiben und einem von der göttlichen Energie isolieren scheinen. Ja auch vermeintlich Gerechte gehen zugrunde und Erfolg, so sagt Martin Buber, ist keiner der Namen Gottes. Auch Gerechte können zugrunde gehen – Gott lässt das zu. Und das ist nicht etwa unbarmherzig. Im Gegenteil!

Würde Gott eingreifen würde er eine Instanz sein nach Menschengeschmack: wie du mir so ich dir, wäre Gott ein fürchterlicher Tyrann und der Mensch in ständiger Angst vor seinem Unwillen. Gott wäre ein Sadist würde er belohnen und bestrafen. Liebe Gemeinde, Gott lässt zu – das ist barmherzig. Er lässt zu, dass Gerechten unrecht widerfährt und das Bosheit manchmal in dieser Welt siegt. Er lässt es zu. Wer den Sinn des Religiösen darin meint, etwas davon zu haben, verehrt nicht Gott, sondern einen Götzen. Der Sinn des Religiösen, der Sinn von Gottesdienst und Spiritualität besteht darin, in Einheit zu wachsen mit dem göttlichen Ursprung, immer mehr einzutauchen und zurückzukehren in das Meer des Göttlichen Ja Wortes, eins zu werden mit dem Anfang dem Grund des eigenen Daseins.

Gott ist kein Händler, kein Makler und auch kein Buchhalter.

Er ist das Rauschen des Meeres, das wir hören, wenn wir eine Muschel an unser Ohr halten. Er ist so weit wie der unendlichste Ozean und so nah wie der Schlag unserer Herzen und wird gefüllt mit Tränen des Glücks und mit Tränen der Trauer. Es ist möglich, dass ein Gerechter zugrunde geht, obwohl er nur Rechtes wollte und ein Böser leben kann obwohl in Bosheit.

Betrachten wir nun die zweite Variante mit der Konjunktion weil. Ein Gerechter geht zugrunde, weil er Gerechtigkeit übt und ein Gottloser lebt, weil er böse ist.

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt Menschen, die wollen alles richtig machen, die wollen auch immer gut sein und auf der richtigen Seite stehen. Und genau das führt zu gar nichts. Die Partnerwahl dauert unendlich lange und scheitert trotzdem, Kindererziehung findet eigentlich nicht wirklich statt, man will ja alles richtig machen und macht dabei dann gar nichts, dann meint man zumindest auch nichts falsch gemacht zu haben und dann will man es allen auch noch grundsätzlich recht machen und bezieht daher nie wirklich Position. Der Wunsch, alles richtig zu machen führt in eine Lebenssackgasse. Wo ich mir selber nicht zubillige, Fehler zu machen, wo ich mir selber nicht eingestehe, auch ungerecht manchmal auch handeln zu müssen, öffne ich Türen, dass an mir selber Unrecht geschieht.

Der Gerechtigkeitsbegriff der Bibel geht immer von der Gerechtigkeit Gottes aus. Des Menschen Recht aber bleibt immer ein begrenztes, ein fehlerhaftes. Der Prediger möchte uns Zuhörer entlasten: du brauchst dich nicht zu bemühen, permanent gerecht zu sein, lass es nach, alles richtig machen zu wollen, das richtet dich Zugrunde. Nur Gott schenkt Gerechtigkeit. Und sogar, wo du es in Perfektion versuchst, kann es sich ins Gegenteil wenden. Selbst -gerecht ist nicht gerecht in den Augen Gottes, so gelingt das Leben nicht. Im Hymnus auf das Osterlicht heißt es. O FELIX CULPA – OH GLÜCKLICHE SCHULD. Wer im Leben danach strebt nur gerecht zu sein, wird schuldig am Leben. Wer aber annehmen lernt, auch schuldig sein zu dürfen, kann sich von Gott umarmen und lieben lassen.

Lebt ein Gottloser, weil er böse ist? Gibt es das Böse? Nähern wir uns dieser Frage mit einer anderen, die seit dem Mittelalter die Philosophie beschäftigt. Kann Gott, von dem wir gerade bekannt haben, dass er allmächtig sei, einen Stein schaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht zu heben vermag? Auflösen lässt sich diese Widersprüchlichkeit Gottes nicht, so wenig wie die Widersprüchlichkeit des Lebens. Denken lässt sich diese Frage aber nur aufgrund der Möglichkeit der Existenz des Bösen. Nichts kann gedacht werden, was sich nicht auf die Selbstmitteilung Gottes zurück führen lässt, so auch dieser Widerspruch. Widerspruch zur göttlichen Allmacht lässt sich denken, weil es das Widersprüchliche gibt – das Böse. Und dort wo der Mensch geschaffene Wirklichkeit vergöttlicht, z. b. das goldene Kalb oder die Standarten auf den Reichsparteitagen der NSDAP, nimmt das Böse auch Gestalt an. Bosheit gibt es in dieser Welt. Wer an Gott glaubt, bejaht das Leben jenseits der Weltvergötterung – obwohl oder gerade weil er weiß, wie mächtig das Böse sein kann. Der Glaubende kann sich an Gott halten. Dies ist so die Worte des alttestamentarischen Predigers die Gewähr zu leben auch jenseits dieser Zeit.

Liebe Gemeinde,

es gibt das Böse, aber sich zu bemühen immer gerecht zu leben, empfiehlt der Prediger nicht. Nun könnte man meinen, dann ist ja alles egal und wir bräuchten gar nichts mehr tun.

Gott stiftet Gerechtigkeit und Recht. Und unsere Aufgabe ist es, uns hineinnehmen zu lassen in die Gottesbeziehung Jesu. Unsere Aufgabe ist es, uns so zu vertiefen, dass jeder Neue Morgen wie eine Erweckung durch unseren Schöpfer selbst erscheint. Unsere Aufgabe ist es in innerer Achtsamkeit zu leben, um sein Herzenswort den lieben langen Tag zu erspüren, in seine Nähe treten, sich eingehüllt wissen von seinem Säuseln heißt gerecht werden vor Gott.

Es ist gut, wenn du dich an das Eine hältst. Es ist gut, wenn du in Gott bleibst wie in einem immerwährenden Gebet. Lasse ihn nicht los.

HERR
Du bist meine Insel
In deinem Schoß bin ich geborgen.
Du bist die Ruhe im Sturm.
In diesem Frieden kann ich ruhen.
Du bist in den Wellen,
die auf die Küste rollen
und die Steine zum Glitzern bringen.
Dieses Meeresrauschen ist meine Hymne.
Du bist das Lied der Vögel.
Ihre Melodie singe ich.
Du bist die See,
die gewaltig auf den Felsen prallt.
Ich preise dich in deiner Kraft

Columba v. Iona

AMEN

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