6. Sonntag nach Trinitatis

Vor 70 Jahren verließ der Missionar Bruno Gutmann seine Gemeinde in Moshi, Tansania. Vor einigen Monaten besuchte die Familie des Enkelsohnes des Missionars diese Gemeinde. Vom Urenkel stammt folgender Bericht:

Am Sonntag stehen wir vor der Ge­meinde. Reverend Saria will es so. Er hat uns in den zweiten Gottesdienst geladen. Es gibt jeden Sonntag zwei Gottesdienste, weil die Kirche nicht alle Gemeindemitglieder fasst. Ein lutherischer Gottesdienst in Tan­sania ist mit einem deutscher Mach­art gar nicht zu vergleichen. Ich kenne nur Pfarrer, die einen schwarzen Talar tragen, hier sind es drei Priester in feierlichen weißen Roben mit grünen Schals. Zu Hause spielt die Orgel ge­tragene Lieder, hier singt der Gospel­chor zur Keyboardmusik, Baba as­sante, »Danke, Vater«.

Die Gemeinde klatscht mit, antwortet im Chor auf Fragen des Pfarrers, man spricht zu­sammen Psalmen. Ein bisschen schäme ich mich dafür, nur ich zu sein. Die Menschen hier denken, ich sei ein frommer Mensch, ein wahrer Nachfahr meines Urgroß­vaters. Aber ich bin nicht fromm. Ich bin auch kein übermäßiger Sünder, ich bin eben ich. Viel, viel kleiner, als die Menschen in Moshi glauben. Bislang war ich Agnostiker. Gott und ich, wir haben uns beide jeweils um unsere Geschäfte gekümmert und sind uns dabei nicht in die Quere ge­kommen. Vielen in Westeuropa gilt Gottesbegeisterung als naiv. Eigent­lich gibt es kaum eine Begeisterung für irgendwas. In meinem Umfeld ist man mehr oder weniger zufrieden mit der Regierung, mit dem neuen iPhone, mit dem Tatort am Sonntag, mit dem Sexualleben, dem Job. Wenn wir das Mittelmaß eine ganze Weile in Balance gehalten haben, sterben wir und werden eine Memorialseite auf Facebook. Das ist schon schal ge­nug. Aber im Sturm der Hingabe, die ich auf der Kirchenbank in Moshi er­lebe, fühlt es sich absolut ärmlich an.

Der Reverend ruft uns auf die Bühne, er spricht davon, wie geehrt man sei, dass die Familie Gutmann, die Nach­fahren des großen Bruno, ihren Weg nach Moshi gefunden habe.

“The Gutmanns are back home!”  Die Gemeinde klatscht, einzelne rufen Halleluja. Dann reicht er uns das Mikrofon. Mein Vater spricht als Erster. Eigent­lich hasst er es, eine Rede zu halten. Aber hier fühlt er sich wohl. Er spricht sogar Englisch. Wenn ich an den Hei­ligen Geist glauben würde, würde ich meinen, er sei auf meinen Vater her­niedergekommen. Er bedankt sich für die Gastfreundschaft und beschreibt, welch guten Eindruck man habe von der Lebendigkeit der Kirche. Die Ge­meinde applaudiert wieder. Meine Mutter stellt sich vor und wird be­klatscht.

Dann habe ich das Mikro­fon in der Hand. Einen Moment bin ich wie gelähmt. Ich sehe in Hunder­te Augenpaare. Alle diese Menschen wollen etwas hören, etwas Frommes. Sie meinen nicht mich, sondern den Mann, der sie vor 70 Jahren verlassen hat. Was ich denke und glaube, ist hier nun nicht von Belang. Dann höre ich mich sprechen.

„Wir Gutmanns leben in Deutschland, einem regneri­schen, kalten Land, weit weg von hier, aber wir sind doch eng verwandt mit euch, denn wir haben denselben Vor­fahren, Bruno Gutmann. Bruno Gut­manns Körper ist in Deutschland be­graben, aber sein Herz, das wussten wir immer, liegt in Moshi beerdigt.“ «

Ich sage, dass die Gutmanns vor mehr als hundert Jahren den Gospel nach Moshi gebracht hätten, und nun hät­ten die Leute den Glauben zurück zu uns, den Gutmanns, gebracht. Es ist das erste Mal, dass ich mich als Gut­mann bezeichne. Zu Hause wären das schwülstige Worte gewesen, hier werden sie mit Applaus und Halleluja ­Rufen quittiert. Eine Frau ruft laut  Amen.

Mir kommen die Tränen. In diesem Moment beschließe ich, in Deutsch-land wieder in die Kirche zu gehen. Weil ich spüre, dass dieses »rnehr oder weniger« in meinem Leben, das gepflegte Mittelmaß mir eben nicht genug ist.

Liebe Gemeinde,

der Missionar Bruno Gutmann nahm den Taufauftrag Jesu für sich wörtlich. Er ließ sich senden, um in einem von seiner Heimat entfernten Teil der Erde, Kirche aufzubauen. Seine Nachfahren nun ihrerseits spüren etwas von der Begeisterung dieser lebendigen Kirche. Sie spüren die Begeisterung für Leben und den schalen Geschmack den die oftmals gefühlte Banalität ihres Alltags hinterlässt. Der Missionar ließ sich bewegen, Vertrautes aufzugeben und aufzubrechen in ein neues Land. Seine Nachfahren lassen sich innerlich bewegen und entscheiden sich dafür, Weichen in ihrem Leben umzustellen und andere Lebensperspektiven in den Blick zu nehmen. Was bewegt uns heute an diesem 6. Sontag nach Trinitatis mitten im Leben, mitten im Alltag?

Sollte uns denn was bewegen?

Aber ja doch, warum sonst sind wir denn hier?

Der Sendungsauftrag Jesu ist doch nicht eine nette Geschichte von vor 2000 Jahren und wir sitzen hier und warten, wie in einem Kino, was als Nächstes passiert. Der Sendungsauftrag gilt doch jedem von uns, hier und heute in Brunsbüttel.

Wie seine Freunde nimmt uns Jesus mit auf einen Berg. Es geht nicht um einen Ort wie wir ihn in Israel besuchen werden; vielmehr geht es um Standpunkte, Verortungen, an denen sich Festlegungen und Programme, die uns bislang wichtig erschienen aufheben ins Weite und wir lernen, Wesentliches zu erfassen.

Liebe Gemeinde,

Jesus lädt uns ein zu einer Wallfahrt an den Ort wo sich Himmel und Erde berühren. Jeder von uns ist in der Lage, diesen Ort zu finden. Dies ist unsere christliche Berufung, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Der Raum, wo der menschliche Richtungswechsel sich vollzieht, wo die innere Begeisterung alles Schwere wegweht und uns das Leben entlässt hinaus ins Weite zu den Herzen der Anderen, dieser Raum öffnet sich dort, wo alle Bestimmungen, die von außen an uns herangetragen werden, ihren Einfluss und ihre Geltung verlieren und wir ganz einfach frei werden etwas Unhörbares zu hören, etwas Unsichtbares zu sehen, etwas längst gekanntes wieder zu erfahren, dem Traum unseres Herzens nahe sein.

Dieser Raum der Begegnung mit Gott ist wie ein innerer Seelenberg, der mir vielleicht zunächst zu anstrengend erscheint, den es sich aber zu besteigen lohnt, weil er mir Überblick verschafft, weil er mich erhebt, über das, was mich niederdrückt, weil er meine Lebensperspektive dahin lenkt, wo die Zukunft eines jeden Glaubenden nun einmal ist, nämlich himmelwärts. Christen dürfen ihre Bodenhaftung aufgeben. Nein sie müssen es sogar.

Christ sein bedeutet sich befreien zu lassen von dem  verordneten und antrainierten Mittelmaß hin zu einer Schwerelosigkeit des Geistes. Christ sein bedeutet aus der inneren Freiheit heraus für die Leichtigkeit des Himmels zu leben. Für den Himmel.

Was der Urenkel des Missionars als Mittelmaß beklagte ist unsere primäre Lebensausrichtung auf völlig banale und wertlose Lebenshaltungen und Lebenseinrichtungen. Ob materieller Natur oder auch religiös verordneter, wenn es um Glaubensverklausulierungen oder Fundamentalismen geht. Nicht jedem Frommen geht es um den Himmel um das mal ganz deutlich zu sagen. Hinter so mancher frommer Fassade verbirgt sich Angst und Schuld. Gerade jene meinen aber, sie seien die dem Himmel Nahen, dabei verbleiben sie in erdrückendem Mittelmaß, denn allein, es fehlt ihnen an Glauben, den sie doch so gerne anderen absprechen. Aber Glaube, der sich meint in Regelwerken auszudrücken ist Mittelmaß. Dem Christen geht es um den Glauben, der aufleuchtet in der Begegnung mit der Unendlichkeit des Himmels. Und was ist angesichts dessen, eine Moral verfasst von Menschenhand?

Liebe Gemeinde,

der Urenkel des Missionars Bruno Gutmann beklagte nach seinem Aufenthalt in Tansania, dass wir Europäer eigentlich kaum noch für irgendwas zu begeistern sind. Wir sind irgendwie gesättigt und langweilig wie ein Sportwagen, der immer nur im dritten Gang fährt, laut und langsam.

Wie ist das mit uns als Christen in Brunsbüttel? Sind wir hier heute Christusbegeisterte?

Die Frage lässt mich nicht los und mit der möchte ich meine Gedanken heute auch beenden.

Sind wir, die wir heute zusammen kommen Christusbegeistert?

Vermögen wir in der kommenden Woche wenigstens einem Anderen, dem wir begegnen zu vermitteln, dass es mehr im Leben gibt, als dieses mehr oder weniger unseres Wohlseins? Vielleicht gelingt es ihnen ja auch dieses einen mitzubringen in einen Gottesdienst.

Geht hinaus in unsere Welt und lehrt, was Jesus aufgetragen hat, er ist bei uns alle Tage bis zum Ende der Welt.

AMEN

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