Predigt zum Ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag (16.05.2016)

Geist macht lebendig

Liebe Ökumenische Gemeinde,

in seinem Ursprung war das Pfingstfest das jüdische Erntedankfest, das Ende langer Mühen, das Einbringen der Ernte. Und ja, Pfingsten bildet den abschließenden Rahmen der Ostererfahrungen, aber es ist alles andere als ein Schlussstein, Pfingsten ist der Aufbruch ins Unendliche, es ist Wehen des Heiligen Geistes.

Pfingsten ist der Beginn, Religion auf eine Weise zu verstehen, die sich nicht in Verklausulierungen verliert, die sich nicht in sprachlichen Abstraktionen nur um sich selber dreht, sondern die ganz und gar aus dem Innern der Menschen selber spricht. Pfingsten ist das Fest des Geistes Jesu.

Er fand Worte, die imstande waren Menschen aus Gräbern zu rufen. Er vermochte es, unmittelbar zum Herzen der Menschen zu sprechen, dass darunter das bleierne Gewicht der Angst sich aufhob und Menschen zu ahnen begannen, was in ihnen lebendig werden könnte. Nichts davon hat Jesus selber aufgeschrieben, als war es seine Hoffnung, Leute wie wir vermöchten die göttliche Liebesbotschaft aus uns selbst heraus weiterzugeben, wie einen Teil lebendiger Wahrheit aus uns.

Jesus gab an Karfreitag seinen Leib, zeigte an Ostern seinen Freunden seine verwundeten Hände, doch mehr als sein Körper waren es seine Worte, seine Gedanken, seine Leidenschaften, seine Träume und Visionen, all das, was wir Geist nennen, was die Wahrheit seines Lebens ausmacht. Und er traute den schlafenden Jüngern im Garten Gethsemane zu, sie könnten ihn begreifen und all das in eigenen Worten weitersagen.

Liebe Gottesbegeisterte,

Jesus wollte, dass er durch unser Herz hindurchginge und wir das Göttliche in eigenen Worten sprächen. Dann würde es leben und sich auch so weitersagen, dass es sich von einem Menschen zum anderen entzündet, dann hätte es auch die Lebendigkeit Gottes. Jesus verpflichtete niemanden auf  einen Katechismus oder eine Bekenntnisschrift. Niemand sollte sich die Meinung eines anderen zu eigen machen. Vielmehr versuchte er unmittelbar aus dem was Menschen erfahren zu schöpfen, es zu verdichten und Gott darin Gestalt werden zu lassen. So erfuhren es die Jünger vor 2000 Jahren und so lebt Kirche auch weiter: Jesus ist etwas Lebendiges in unseren Herzen. Was Menschen mit Gott erleben, lässt sich in Bildern und Worten unserer Träume weitertragen, aber nicht durch Lehramt und Moralepistel.

Und Kirche lebt dort, wo Gott in eurer Sprache zu Wort kommt, liebe Freunde, in Deiner, Deiner, und Deiner…Gottes Geist lebt in euch. Paulus schreibt es der Gemeinde in Korinth ins Stammbuch: Kirche lebt nicht von einem Amt her, also nicht der Pastor ist der Mittelpunkt gemeindlichen Lebens. Mittelpunkt ist Gott der Herr allein und er erweckt verschieden Gaben: Menschen, in deren Nähe andere gesunden, Menschen, die es vermögen zu differenzieren und kluge Entscheidungen zu treffen, Menschen, die es vermögen, andere zu begeistern und Menschen ,die Gottes Wort begeisternd weitersagen. Und in dem lebendigen geistdurchwirkten Prozess der immerwährenden Kirche, sind wir alle die vielen Gaben des Geistes Gottes. Nur in dieser Einheit bilden wir den einen Geist ab.

Liebe Gemeinde, in jedem Leben spricht sich Geist aus. Und ja, es gibt auch unheilen Geist. Die Nachrichtensendungen sind täglich voll von Berichten, was Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun. Es ist kaum zu ertragen. Und doch bin ich als Christ ein Geistoptimist. Leben endet nie in einer Katastrophe. Leben findet immer seinen Weg in die Freiheit. Wie kann ich als Deutscher so etwas glauben nach Auschwitz, Dachau und Buchenwald? Weil ich schon oft auch in Tel Aviv und Jerusalem war. Weil alle menschliche Barbarei nicht vermochte die Sehnsucht zu ermorden, die ein Vogel weckt, wenn er am Himmel fliegt, weil alles menschliche Morden und kastrieren jeder Würde, nicht vermochte die Utopie von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu ersticken. Die Liebe ist eine größere Geistkraft als die Perversion menschlicher Gewalt.

Trotz allen Elends auf der Welt gibt es genug Grund, Vertrauen zu haben in den guten Geist Gottes. Er wirkt, manchmal bemerken wir es nicht gleich. Schaut man sich z.B. die Geschichte irgendeiner Familie an, die auseinanderbricht, man würde zunächst keinen Cent darauf verwetten, dass irgendetwas zum Guten gelangen könnte. Die Ehepartner vertragen sich nicht mehr, das Zusammenleben ist zerrüttet und die Kinder drohen Schaden zu nehmen. Sieht man dieselbe Familie nach zwei/ drei Jahren wieder, ist womöglich alles so gekommen, wie vorher gesehen. Die Ehe-leute sind auseinandergezogen und haben Dinge getan, von denen wir vorher gedacht haben, dass sie sie nicht tun dürfen. Und nun zeigt sich aber, dass es gut war. Nun lebt der Mann, lebt die Frau wieder von innen heraus mit einem Gefühl für das eigene Leben und ihr eigenes Glück. Die Kinder können sich an einem Vater und einer Mutter orientieren, die wirklich Halt bieten und nicht mehr hin und her schwanken müssen unter jeglichem fremden Druck. Glück und Zukunft lassen sich nicht binden, wenn einer für den andern weiß, was der tun soll.

Oder da ist der Mann, der nach 30 Jahre Ehe seine Frau bis in den Tod begleitet hat, gehofft hatten sie bis zum Schluss. Und er fährt 1,5 Jahre später auf eine Busreise und begegnet dort einer ebensolchen Witwe und lässt den Gefühlen seines Herzens freien Lauf – eben das ist Heiliger Geist- und beide entdecken neues Leben. Der Geist Gottes pendelt das Leben in seine Richtung, in die Offenheit des Himmels, in die Unendlichkeit himmlischen „Aufgehobenseins“.

Das Geheimnis des Pfingsttages ist es, dass wir einen Geist empfangen haben, der uns frei macht. Die bürgerliche Gesellschaft, totalitäre Systeme, aber sind wir ehrlich, auch lange Zeit die Kirche, fürchten diese Freiheit. Denn die Geistgabe Gottes an uns ist das Ende jeder doktrinären Verriegelung von oben oder außen. Die Vision eines Neuen geistlichen Jerusalem wächst dort, wo der Geist einem jeden von uns geschenkt, Raum hat für seine eigene Dynamik. Das neue geistliche Jerusalem ähnelt ja nicht einer klar angeordneten, Haus für Haus gleichen Plattenbau-siedlung. Das neue Jerusalem, an dem wir gemeinsam bauen, es ist bunt, schrill, verwinkelt wie ein Haus von Hundertwasser.

Die Pfingsterzählung berichtet, dass jeder in Jerusalem die Christen in seiner Sprache verstand. Und es ist meine feste Überzeugung, dass die Menschen uns auch heute wieder verstehen würden, wenn ein jeder von euch in seiner Sprache, mit seinen Bildern, mit den Tagträumen seiner Kindheit, mit den Fragen und Hoffnungen der eigenen Geschichte von sich und damit von Gott erzählen würde.

Das ist mein Traum von Kirche: das ein jeder seine Sprache wiederfindet und das Vertrauen lernt den Eingebungen des Geistes für sein Leben zu folgen.

AMEN

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