Predigt zum ersten Passionssonntag 2020

Liebe Gemeinde,

der Predigttext des ersten Passionssonntag ist der für das Jüdisch-christliche Verständnis der Menschheits- und Kulturgeschichte bedeutenste aber zugleich auch am meisten missverstandene Text der Heiligen Schrift. Das fängt schon bei den vermeintlichen Namen der handelnden Personen an: Adam und Eva sind nicht deutsche Vornamen für einen Mann und eine Frau. Es ist hebräisch und bedeutet Mensch und Gebärerin. Es geht daher auch nicht darum, wer hat wann wen verführt, sondern warum werden wir geboren, um zu sterben? In welchem Verhältnis steht der Mensch zu der Welt in der er lebt? Und mag es einen barmherzigen Gott geben in dieser Fremdheit zwischen ihm und uns und zwischen unseren Sehnsüchten und den Abgründen dieser Welt?

Um die Geschichte der Paradiesesvertreibung zu verstehen, müssen wir eintauchen in die mythischen Bilder die der Erzähler verwendet, Bilder die gespeist sind aus dem Vegetationsumfeld des Autors ebenso wie aus archetypischen Bildern seiner Seele, die ihm vertrauter waren als uns, die wir viel Geld ausgeben, um Analytiker dafür zu beschäftigen. Der Mensch, so erzählt der Autor im Schöpfungsbericht, sei von Gott geformt aus Staub vom Erdboden. Mensch und Erde, kulturgeschichtlich seit er vom Jäger zum Ackerbauern wurde, gehören zusammen. Der Mensch ist zunächst Staub und Asche und ist nur in Existenz rückbezogen auf seinen Schöpfer, denn der haucht ihm Atem ein, Odem, göttliche Ausstrahlung. Was geschieht, wenn diese gehauchte Einheit, die Verschmelzung des Ein und Aus des Lebensrythmus` zerbricht? Ist dann der Mensch nicht wieder mehr nur Staub und Asche?

Für die Menschen des Nahen und Mittleren Ostens stand der Mensch ursprünglich in Verbindung und Einheit mit der Fülle des Lebens. Und dieses Paradies ist anstelle aller Wüstenei ein verzauberter Garten. Aber dieser Garten enthält auch schon alles, was den Menschen um sein Glück bringen wird. Das Böse liegt als Möglichkeit in der Schöpfung Gottes selbst. Das es zum Tragen kommt, liegt aber am Menschen. Die Welt so unser Erzähler, sei eigentlich ein geordneter Garten, solange der Mensch um sein Zentrum weiß. In der Mitte des Gartens steht ein Baum. Ein Garten hat viele Bäume, aber Zentralachsen lenken auf die Mitte und auf einen bestimmten Baum, tiefenpsychologisch ein Bild für die mütterliche Schöpfung. Der Mensch wäre geborgen, wo der Himmel die Erde berührt, wo ein Teil der Erde aufragt bis zum Himmel, wie eine Himmelsleiter. Eine Ordnung in der Vertikalen, umspannt von den sich ausbreitenden Ästen eines Baumes, die sich schützend und bergend über den Menschen breiten, mütterlich. Wenn dies so ist, dass der Mensch sich so angenommen und beschützt weiß, wäre er auch in der Lage, die Ordnung der Welt zu bewahren. Gott wollte, so unser Schöpfungsmythos, dass die Menschen in einem Raum unendlicher Geborgenheit leben. Der Baum im Zentrum diene der Erkenntnis von Gut und Böse. Eigentlich doch ne feine Sache. Doch ist der Mensch als Geschaffenes und nicht selber Geisthauchendes Wesen in der Lage, diese Kraft zu bändigen diese Unterscheidung zu nutzen?

Gehen wir in die dramatische Szene. Die Schlange ist das Wesen zwischen den Grenzen, zwischen Festem und Haltlosem, zwischen kriechen und gehen, zwischen Tag und Nacht, immer verschwistert mit dem Höhlenartigen, vom Menschen unbeherrschbar, wie die germanische Midgaard, die sich um die Erde schlingelt und es dem Menschen enger macht, wenn sie sich zusammen zieht. Eine listige Frage genügt: Hat Gott euch wirklich geboten, ihr sollt nicht von allen Bäumen des Gartens essen? Es ist nur eine Art der Betonung, ob man dies als Frage oder als Behauptung auffasst. Es impliziert, als hätte es von Gott gar keine Freigabe der Früchte des Gartens gegeben, sondern als wäre alles Leben überschattet mit Verboten. Es ging ja eigentlich nur um einen Baum. Aber diese Frage wischt alles Erlaubte weg. Die Frage suggeriert, Gott könnte ein ungeheuerlicher Despot sein, der einen prächtigen Garten schafft und dem Menschen verbietet, zuzulangen. Die Gebärerin antwortet denn auch mit einer Übertreibung: nicht nur nicht davon zu essen, rühret ihn auch nicht an.

Liebe Gemeinde, wer ein Gebot heftig verteidigt, kann bereits dabei sein, es zu übertreten. Wer einen Abwehrmechanismus schafft, trägt die Neigung in sich das Gebot selber zu übertreten. In der Verteidigung des Gebotes öffnet der Mensch sich der Angst anstatt sich dem Vertrauen zu überlassen. Und so dreht sich die Spirale: nicht aus Güte habe Gott das Gebot erlassen, so verdächtigt die Frage, sondern Gott missgönne dem Menschen Erkenntnis und wolle ihn niedrig halten. So zerbricht die Einheit. Der Mensch sieht sich in Konkurrenz zu Gott. Und wenn Gott mir Glück vorenthält, dann macht er mir Angst. Traue ich Gott zu dass er ein Despot ist? Bedenke ich die Möglichkeit, dass der Tod mich bedroht? Sie hören, alles ist eigentlich bereits geschehen noch bevor der Griff zum Granatapfel geschieht. Angst und Misstrauen zerstören die Unmittelbarkeit des Menschen mit der Schöpfung.

Dem Menschen war von Gott, ich bleibe in der mythologischen Sprache, nur eines wirklich verboten um seiner selbst willen, nämlich zu erkennen: was es bedeutet ein Geschöpf zu sein ohne Einheit mit dem Schöpfer, wie schlimm es wäre, nur ein Stück Kreatur zu sein inmitten aller Angst, die uns die Welt und unser eigener Verstand machen kann. Die Welt ändert sich seit dem Griff zum Apfel nicht, aber die Einstellung des Menschen zu sich selbst und aller Welt ringsum vollkommen, wenn an die Stelle unendlichen Vertrauens fundamental die Angst einherzieht. Jeder hat jetzt vor dem anderen etwas zu verbergen. Die Paradieseswelt wird zu einer Schreckenskammer. Jetzt sehen wir den Tod vor Augen als Bedrohung. Wir sehen die eigene Staubgeburt und versuchen dagegen anzukämpfen. Wir sehen jeden Tag jemanden an unserer Seite, der uns belauert und kritisiert.

Und was ist jetzt die Schuld des Menschen? Einzig, aber leider so abgrundtief entscheidend: dass die Angst größer ist als das Vertrauen.

Was in der Geschichte folgt: der Mensch versteckt sich. Gott geht ihm nach. Vertreibung. Die Paradieseseinheit geht verloren. Was dies bedeutet beschreibt Eugene Ionesco in seinen Tagebüchern so: Ich lebe nicht, das Leben geht vorüber. In der Frucht unausweichlich der Kern der Angst, der Gedanke an den Tod. Es ist als säe ich am hellen Tag die Nacht.

Ist nicht berechtigter Zweifel angebracht ob der Allmacht Gottes? So die Meinung vieler, die die Erzählung und die Theodizeefrage zum Ausgangspunkt der Gottesleugnung machten. Wie kann Gott denn das alles zulassen? Dann fragen Sie sich einmal, wie lebenswert wäre eine Welt, in der der Mensch gezwungen ist, nur gut zu sein?

Wieviel Inhalt hätte unsere Welt dann noch?

Es scheint doch, der Erzähler berichtet von der Vertreibung, als wolle er ausdrücken, nur so höre der Mensch niemals auf, nach dem zu verlangen, was nur in der Nähe Gottes für ihn wächst. Leben gebe es nur in dem Garten, der Einheit. Sich danach zu sehnen und hin zu leben ist Liebe, ist göttliche Liebe und Gott sehnt sich nach uns genauso wie wir nach ihm. Wir leben nur, weil wir in dieser Spannung sind. „Gott du mein Gott, dich suche ich“ und „unruhig ist mein Herz bis es ruht in dir“. Ist es denn des Menschen unausweichlich Schicksal zu leben in der Verbannung, sich selbst und der Welt entfremdet? In Jesus dem Christus macht Gott uns ein neues Angebot. „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen? „ist nur der Anfang des letzten Gebetes Jesu. Der Psalm endet mit den Worten: Gott ist der Herr des Reiches und nicht die vermeintlich Großen der Welt. Dieses Bekenntnis überwindet alle Angst. Jesus aus Nazareth kam in unser Leben, um uns zu lehren unser Leben zum Anfang hin neu zu träumen. Jeder von uns ist Mitglied eines unsichtbaren Königreiches. Ein jeder könnte sich, so die Botschaft des Galiläers, zu begreifen lernen nicht als Staubgeburt, sondern als Kind eines ewigen Königs mit unendlicher Schönheit und Würde. Ich verdanke mein Leben nicht einem Umstand, sondern der mich bejahenden Umarmung des Königs aller Himmel. Träume ich mein Leben von Anfang, schenke ich der Geborgenheit mehr Raum denn der Angst. Und dann ist Gott nicht mehr der, den ich fürchte oder dem ich hinterherjage, sondern der, unter dessen Flügeln ich selber fliegen lerne in die Allgeborgenheit. Wer entdeckt dass dieses Vertrauen in ihm lebt kehrt zurück an den Anfang und schreibt seine Geschichte im Garten neu.

AMEN

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