Predigt zum Sonntag Sexagesimä

„Stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“

Wenn wir diesen Satz hören, klingt er für uns unauffällig. Dabei ist diese Ansprache für einen Gläubigen vor 2500 Jahren, mehr als ungewöhnlich. Vielmehr verhüllte man sein Haupt und sank vor Angst in demütiger Haltung zusammen, wenn man der Gottheit begegnete. Die Forderung sich auf die Füße zu stellen beschreibt ein verändertes Verhältnis zwischen der Gottheit und dem Menschen und ist damit auch kulturhistorisch ein enormer Perspektivwechsel, das Aufbrechen nicht nur von Traditionen, sondern die Umkehr einer gesamten inneren Haltung. Und diese Umkehr und das ist dann die eigentliche Botschaft des Ezechiel, vor 2500 Jahren genauso gültig wie heute diese Umkehr, dieser Aufbruch ist notwendig, um überhaupt, den Geist Gottes zu verstehen und prophetisch glaubhaft handeln zu können.

Prophetisches Handeln und Glaubensweitergabe bedarf gerade heute der Neuausrichtung unserer inneren Haltung. Sie z.B. sitzen. Ich bin sehr froh, dass ihr da seid, aber ist eure innere Haltung an Kirche und den sonntäglichen Gottesdienstbesuch:  hoffentlich wird’s nett und der Pastor predigt gut? Stelle dich auf deine Füße. (wir probieren das mal. Stehen sie doch bitte mal alle auf) Also nimm zunächst eine aufrechte Haltung an. Nur wenn ich stehe kann ich auch wirklich hinter mich gucken. Wenn ich stehe habe ich auch mehr Überblick. Und wenn ich stehe, bin ich etwas unruhiger. Ich verlagere mich von einem Bein aufs andere. Ich frage mich, was soll das jetzt hier. Was will der da oben auf der Kanzel von mir?

Vielleicht findet das einer schon so albern, dass er am Liebsten raus rennen möchte. Klar, wer schon steht, ist schneller in Bewegung. So müssen Menschen sein, wenn der Geist Gottes sie bewegen soll. So muss Kirche wieder werden, wenn sie glaubwürdig prophetisch in unsere Zeit wirken will. Die Welt braucht Kirche und ihre Gläubigen nicht um das Weltgeschehen vom Parkett aus zu kommentieren. Wir gehören in die Bühne! Und dort haben wir den vermeintlichen Regisseuren und immer schlechter werdenden Schauspielern zu widersprechen. Stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Gott die unendliche Weisheit, der ewig unaussprechliche, die Kernkraft allen schöpferischen Wirkens will mit uns reden. Ihn zu vernehmen sei allein eine Frage der Haltung. Wann hat Gott das letzte Mal zu dir geredet? Nicht, wann hat der Pastor im Gottesdienst das letzte Mal zu dir geredet – nein wann hat Gott mit dir geredet?

Meine Lieben,

Ihr verändert die Welt, wenn ihr wieder Gott reden hört. Kirche hat Relevanz, wenn sie mit Gott im Dialog bleibt. Alles zu wissen meinen, weil es immer schon so war und weil Veränderung viel zu riskant und anstrengend ist, heißt nichts anderes als in einer Sitzenbleiber Mentalität zu verharren. Sitzenbleiber im doppelten Sinn. Wir sitzen weiter, beobachten und kommentieren und bleiben wie ein Schulbub, der zu faul ist, sitzen und müssen verlängern, ein ums andere Mal Gott zu hören ist zunächst eine kontemplative Haltung, eine Haltung innerer Aufmerksamkeit. Doch dabei bleibt es nicht.

„Du Menschenkind ich sende dich zu den Abtrünnigen“.

Du bist eine Gesandte und auch dich sendet Gott. Und auch hier die Frage: wo wird das in meinem Leben konkret? Ich muss nicht wiederholt erläutern, woran man die Abtrünnigkeit unserer Welt erkennt, Ihr wisst das selbst. Sich senden zu lassen als Prophetin und Prophet ist ein harter Job, ob haupt-oder ehrenamtlich. Weil das, was wir zu sagen haben, will ja keiner hören. Jetzt werde ich doch etwas politisch: Julien Assange und geben wir es zu, wir meinten doch alle, dass der was verbrochen hat, sitzt seit Monaten in Isolationshaft, so der UN Beauftragte gegen weltweite Folter, weil es eine organisierte Staatsverschwörung gab. Das man in China den Mediziner Li Wenliang mundtot machte, der vor dem Corona Virus warnte wundert einen aufrechten Demokraten ja nicht. Aber das mit dem WikiLeads Begründer ist schon pervers. Ein Jahr Greta Thunberg, mundtot macht man sie nicht, man macht sie lächerlich. Und wenn wir beim Stammtisch, beim Golfen, in der Mittagspause mit anderen ins Gespräch kämen, was Gott zuletzt zu uns gesagt hat… also dass sich nur wenige um diesen Auftrag Gottes reißen ist völlig verständlich. Aber um wirklich auf den eigenen Füßen zu stehen und damit dem Himmel etwas näher, sei es notwendig der Himmelsnähe zu antworten durch den Dienst, sich zu anderen senden zu lassen.

Aber das bringt doch alles nichts.

„Sie haben harte Köpfe und verstockte Herzen.“

Verstockt ist ein schönes altmodisches Wort. Rüherei stockt, wenn es hart wird. Manche Menschen, so ein Ausdruck, der nicht auf die Kanzel gehört, haben einen Stock ganz woanders. Es meint aber das Gleiche, Eine Verhärtung, eine stocksteife Lebenshaltung, unflexibel nicht beweglich, daher aber auch zerbrechlich. Man kann viel Energie verbrauchen solche Menschen locker zu machen, zu erweichen und herzensoffen. Warum bloß?

Denn jetzt sagt Gott dem Propheten was ganz Spannendes:

„Sie gehorchen oder lassen es“

Was für eine Entlastung für alle Frauen und Männer, die sich kirchlich engagieren und nach Erfolgserlebnissen und gesellschaftlicher Relevanz lechzen: wenn die anderen es nicht hören wollen, was wir sagen, sich nicht in Bewegung setzen, weiter ignorieren und zerstören, ok dann sollen sie…

Die dürfen es lassen. Wie es Jesus erläutert mit seinem Gleichnis vom Sämann. Wir säen nur, wo es hinfällt, was daraus wird, braucht uns nicht zu interessieren. Aber wir, die wir mit Gott in Kontakt sind, wir müssen weiter reden, dürfen nicht schweigen, denn die Welt muss wissen,

“dass wir Propheten da gewesen sind.“

Es ist nicht schlimm, wenn unser Glaubenszeugnis vermeintlich nichts bringt.

Die Welt ist „ein Haus des Widerspruchs“                                                                                          Unsere Welt lebt nach Regeln, die nicht die Regeln Gottes sind. Unsere Welt gibt sich Ge- und Verbote, die nicht dem Fühlen Gottes entsprechen. Unsere Welt setzt Grenzen, was völlig widersprüchlich ist der Unendlichkeit Gottes gegenüber.

„Aber Du Menschenkind“ du Aufrechtstehendes, dem Himmel sich näherndes, Liebe wagendes Menschenkind, tu deinen Mund auf. Ich dein Erlöser gebe dir Nahrung.

„Fülle dein Inneres mit der Schrift“.

Wann hast du das letzte Mal ein Bibelwort zu deinem gemacht? Wann hast du es durchgekaut, aufgenommen und als Ratgeber und Begleiter für deine aktuelle Lebenssituation genutzt? Die Tageslosungen bieten sich an oder einfach die Bibel aufschlagen nach den Zufallsprinzip und lesen. Unser Himmel kann ganz nahe sein, weil Gott uns ja schon alles mitgegeben hat in seinem Wort. Und unser Leben kann werden wie ein „ Mund voller Honig“.

Liebe Gemeinde, unsere veränderte Haltung, verändert vielleicht nicht die Welt. Sie verändert aber uns.

Wer sich von Gott ansprechen lässt

Wer sich von ihm aufrichten lässt

Wer lebt aus einer Haltung heraus dass man den Himmel berühren möchte

Wer sich senden lässt in diese Welt der Widersprüche

Wer nicht daran zerbricht, dass er kaum Gehör findet, sondern Gott vertraut

Dem kann das Leben werden wie Honig im Mund.

Das find ich schon ziemlich sensationell. Diese Haltung kann man üben. Leben in einer christlichen Gemeinde könnte der Raum dafür sein.

AMEN

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