Predigt zum 2. Advent – Nikolaus

Liebe Gemeinde,

Die Sprache der Bibel ist in vielen Teilen eine Sammlung den Menschen verstehender Seelenbilder. Altorientalische Weisheit verdichtet sich nicht selten mit Traumdeutung zu zauberhaften Geschichten über Grundfragen menschlichen Daseins. Was die Bibel in nur wenigen Abschnitten des 1. Testamentes ist, ist ein historisches Geschichtsbuch. Was die Hl. Schrift ganz sicher nicht ist, ist ein sprachliches Dokument der Wiedergabe faktisch realer Wirklichkeit vergleichbar mit einer Zeitungsmeldung. Das ist und wollte Bibel auch nie sein. Im Zeitraum ihrer Entstehung, bzw. ihrer schriftl. Erfassung zwischen 700 vor und 100 nach Christus im Kulturraum zwischen Mesopotamien und Israel diente Schriftsprache der Poesie und nicht der Nachrichtenübertragung im Sinne faktischen Informationsaustausches. Die Beispiele, die es historisch für Derartiges gibt sind entweder Herrschererlasse oder von ihnen angeordnete oft geschichtsglättende Ehrenbezeugungen. Die Geschichten um den Wanderprediger Jesus aus Nazareth, als Heilsgeschichten zu verstehen, bedarf 

  1. eines Verständnisses seiner jüdischen Glaubenstradition, die auch jene war, die sein Leben im Geschichtenerzählen 40 Jahre lebendig hielten bevor sie verschriftlicht wurden.
  2. Eines Erahnens der Bildersprache des Nahen Ostens, die so gar nichts mit deutscher Enzyklopädiesprache zu tun hat.
  3. Ein Wissen darum, was passierte, als diese orientalische Bilderwucht und ein den Träumen nahe seiendes Verständnis vom Menschen auf griechische Philosophie in Person von Schriftstellern, wir nennen sie Evangelisten und frühen Theologen, die allesamt nicht jüdischen Glaubens waren, stößt.
  4. Ein eigenes Zulassen, dass die sich in uns formenden Seelenbilder der Wahrheit unseres Selbst oft viel näher sind, als das, was andere über uns als Fakt zur Aussage bringen.

Liebe Gemeinde,

ein Gottesbild auf Aussagen der Hl. Schrift basierend, welches Gott die Naturgesetze, die er ja selbst geschaffen hat, überschreiten lässt im Sinne von der Erschaffung der Erde in 7 Tagen, der Trennung des Roten Meeres wie es Charlton Heston in die 10 Gebote tut oder und jetzt komme ich endlich zum Punkt, dem Laufen Jesu über das Wasser, ist theologisch wie philosophisch blanker Unsinn. Ein fundamentalistisches Verständnis der Bibel macht aus Bildern des Heiles, zerstörerische Werkzeuge von Zwangsneurosen und aus dem Gott der Freiheit, einen uns unverständlichen Dämon, hinter dessen Ansprüchen wir immer zurück bleiben und daher in Schuld verstrickt. Nein meine Lieben, die Hl. Schrift für uns zum Heil verstehen, gelingt nur, wenn wir unsere Ängste, Hoffnungen und Träume berühren lassen von den Seelenbildern der Bibel und sie eben als solche begreifen und nicht deren reduzierte übersetzte deutsche in naturwissenschaftlich kontextueller Sprache zum Fakt nehmen. Ein fundamentalistisches Verständnis der Bibel erzeugt Atheismus. Wenn Gott so außerirdisch ist, wie nämlich jene glauben, dann kann ich auch Aliens für wahr halten und auf deren landen auf der Erde warten. Wenn Gott so gar nichts mit mir selbst zu tun hat, wozu dann?? 

Eben und gerade nicht. Gott ist mir so unendlich nahe, wie das Rauschen des Meeres, wenn ich eine Muschel an mein Ohr halte. Nun natürlich ist es nicht das Meer, sondern das Schlagen meines Herzens, aber ich höre das Meer, das ist das Bild. Und so nah wie dieses Bild ist mir Gott. Nur in diesem Verständnis begreife ich seine Nähe. 

Liebe Gemeinde,

es ist genau ein Jahr her, dass ich mit 28 Gemeindemitgliedern in ein Boot stieg und hinausfuhr auf den See Genesareth. Er liegt in einer tiefen Mulde zwischen den Bergen Judäas und den Golanhöhen. Wie aus heiterem Himmel können Fallwinde dort zu einer Lebensbedrohung werden. Noch heute; jedes Mal wenn ich dort bin, lasse ich den Motor abstellen und erzähle die Geschichte, die Manfred gerade vorgelesen hat. Jeder hat dann Gelegenheit in Stille nachzudenken. Jeder hat eigene Erlebnisse und engefrässte Ein-drücke, die das Leben hinterließ. Und wenn ich ein nächstes Mal mit einer Gruppe hinaus auf den See fahre, dann kommen zu den bereits erlebten Niederdrücken noch die Erfahrungen der Pandemie hinzu. Wir erleben alle eine bedrohliche Ausnahmesituation, mancher mehr, mancher weniger. In den mystischen Bildern des alten Ägypten wie auch des Zweistromlandes und ebenso in der Traumdeutung der modernen Psychoanalyse steht das Wasser für das Leben an sich. Es kann Wasser des Lebens sein, die Bedrohung des Untergangs gleichwohl der Übergang hinein in den Tod. Und die Verwandlung zu neuem Leben. Das Hinübergleiten über Wasser beschreibt Leben in seiner existentiellen Form. Und ich glaube, jeder von uns kennt Situationen, in denen uns das Wasser förmlich bis zum Halse steht. Jeder von uns hat schon Erfahrungen gemacht, die am Besten beschrieben sind mit dem Bild, im Strudel des Lebens förmlich unterzugehen. Was hält und trägt uns gerade dann? Wie bewältigt man Lebenskrisen, wenn uns Seelennacht umgibt und unser Boot in dem wir sitzen – Familie, Beruf, Zukunft, Lebensplanung – vom Sturm geschüttelt wird und zu sinken droht? Intuitiv sind wir versucht unser Boot zu sichern, jetzt bloß nicht aussteigen. Dabei ist diese Strategie der Angst oftmals der sicherste Weg, samt des Bootes unterzugehen. 

Wie wäre es zu glauben, dass gerade in den Untergangsstürmen der Herr des Lebens uns entgegenkommt und uns begleitet darin, unser Boot zu verlassen? Für Millionen Menschen weltweit ist die Pandemie eine Existenzbedrohung. Hunderttausende sind verstorben, Millionen ohne Arbeit, und Menschen sterben auch, weil einfachste Gesundheitsversorgung nicht mehr leistbar ist. Lebensentwürfe zerbrechen. Das alles macht Angst.  Wie wäre es zu glauben, genau in diese Situation erwarten wir wirklich das Kommen Gottes in unsere Mitte und er lädt uns ein unser Boot zu verlassen und eine neue, gerechte Wirtschafts – und Gesundheitsversorgung zu begründen? Warum sollten wir? Weil auch wir spätestens jetzt merken, dass auch das Boot, das auf einseitige Kaptalvermehrung gründet, zu sinken beginnt. 

Menschen steht das Wasser bis zum Hals. Ist das System Familie in dem ich lebe noch das Richtige? Macht mein Beruf mich mehr krank als glücklich? Komme ich in den Lebensentscheidungen einst getroffen, heute noch authentisch vor oder bin ich ein überfremdetes Subjekt des Tuns anderer? Erwartungen werden an mich herangetragen, die ich nicht zu erfüllen vermag. Ich fühle mich wie vor einem Berg und mir fehlen die Steigbügel.

Welche Suchtformen sind das Boot in dem ich sitze? Welche Freundschaften ziehen mich runter? Welche vermeintlich eingegangenen Verpflichtungen hängen Mühlstenschwer an meinem Hals? Welche Aussichtslosigkeiten ertränken mich in Trübsal? Welchen Traum hätte ich eigentlich, aber ich bin angstgefesselt, entscheidungserstarrt.

Wie wäre es zu glauben, Jesus ruft mich genau in diesem Gefühl bei meinem Namen? Ingo, ich meine dich, wie du bist und nicht wie andere dich meinen. Ingo steige aus und komme mir entgegen. Ja die Entscheidung kostet Mut, ja du machst dich dabei nass, ja die Wellen des Lebens sind kein sicherer Boden, aber ich Jesus, dein Bruder und Herr rufe dich und halte dich. Wenn du mit mir auf Sichtkontakt bleibst, kannst du nicht untergehen. Wellen des Lebens brechen sich an dir und aussteigen birgt Gefahren, aber ich dein Bruder und Herr, ich trage dich. 

Die Geschichte des Seewandels so gelesen kann eine Heilsgeschichte werden und zu Verwandlung führen. Doch darüber zu predigen ist eines. Jeder von uns weiß, wie schwer es wirklich ist für sich selbst, es dem Petrus nach zu tun, und das sichere Boot zu verlassen. Und dieses Auf Sichtkontakt mit Jesus bleiben – der ist manchmal gefühlt so weit hinter Nebelbänken, da spür ich nix. Wie soll mir das gelingen? Ich bin ja nicht wie er.

Wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen. So haben wir gerade bekannt. Männer und Frauen, die uns vorgelebt haben, wie es gelingen kann, auszusteigen und sich zu 100% auf Gottes Zusage zu verlassen. Einer der Liebsten seit Kindertagen ist uns der Heilige Nikolaus, Bischof von Myra, einer Hafenstadt in der heutigen Türkei. Nikolaus erlebte die letzte große Welle der Christenverfolgung im röm. Reich gleichwie den Aufstieg der Kirche zur staatstragenden Institution. Er trug Verantwortung in Zeiten von Hungersnöten und kämpfte mit wenigen Mitteln gegen die zunehmende Verarmung der Stadtbevölkerung. Er ist ein Beispiel, dass Ausstieg aus Etabliertem und das Beschreiten neuer Wege einem Menschen möglich ist. Eine Legende berichtet von einem Sturm. Seeleute baten um Rettung und so die Legende, sie sahen Nikolaus auf dem Meer. Im Wissen um seine Begleitung gewannen sie an Zuversicht und erreichten den rettenden Hafen. Seitdem gilt Nikolaus als Patron der Seeleute und ist auch uns Insulanern vertraut. Menschen, die glauben überwinden Stürme. Nikolaus wird ein solcher Glaube nachgesagt. Was gab dem Nikolaus diese Strahlkraft? Wie vermittelte er den Menschen das Gefühl, mit dem gehe ich übers Wasser, der hält jedem Sturm stand?                        

Nikolaus lebte Kirche nicht verwaltend. Er lebte das, was Jesaja schreibt: er verband die zerbrochenen Herzen, suchte die Elenden auf, kaufte Gefangene frei und tröstete die Trauernden. Und darin war er authentisch. Warum vermochte er so zu glauben?

Weil auch er sich auf den unsicheren Tiefen des Lebensmeeres getragen wusste. Menschen wachsen über sich hinaus, wo sie sich selbst nicht als allein verstehen, sondern als ALLEINS. 

Als eins mit dem, was mich umgibt,
als eins mit dem, was mich im Eigentlichen ausfüllt,
als eins mit dem aus dem ich meinen Ursprung habe, was mich ausmacht und zu dem es zurückfließt,
als eins mit meinem Bruder und Herrn.

Liebe Gemeinde, 

Advent ist die Zeit des Wartens. Jeder von uns sitzt in seinem Boot und jedem hat der Lebenssturm gerade seine eigenen Ursachen. Wir warten auf Jesus, der auf dem stürmischen Wasser uns entgegenkommt. Doch ach, wie soll ich ihn wahrnehmen? Wie soll ich Sichtkontakt herstellen? Der Prophet Jesaja empfiehlt zweierlei: zunächst trotz allem, bewahre dir eine fröhliche Seele. 

Und dann ersehne Gott, wie ein Bräutigam die Braut, wie eine Braut den Bräutigam und ja Tora und Talmud meinen das auch durchaus sexuell. So geprägt voll Sehnsucht und Verlangen soll deine Herzensbildung sein. Gott ist eins mit dir, wie zwei verschlungene Körper eins sind. Wie Braut und Bräutigam einen Bund eingehen, wie sich Liebende tragen, so vertraue auf Gott.

Er trägt dich. 

Komm Herr Jesus, tritt ein in mein Leben und besänftige den Sturm, der mich umhertreibt. Komm Herr Jesus, kehre wieder in unsere kranke und erschöpfende Welt!

AMEN

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