In Abrahams Schoß

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: 
Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. 
Abraham erwiderte: 
Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. 
Da sagte der Reiche: 
Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. 
Abraham aber sagte: 
Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. 
Er erwiderte: 
Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. 
Darauf sagte Abraham zu ihm: 
Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

Es gibt Erzählungen im 2. Testament genannt das Neue, die erscheinen als hätten sie sich in den Evangelientext verirrt, weil sie überhaupt nicht in das Lebens-und traditions Umfeld der hörenden Gemeinde passen. Lukas z. B schreibt an eine zumeist aus Heidenchristen städtische Gemeinde mit wenig Bezügen zum Judentum. Bei Lukas finden sie keine an die Berg Sinaigeschichte erinnernde Bergpredigt, sondern die Seepredigt. Und die Überlieferung der Jungfrauengeburt machte auch nur Sinn bei einer Hörerschaft, die aus der Griechischen Götterwelt mit solchen Erzählungen vertraut waren. Jungfräulichkeit war im Judentum der Zeit Jesu keine Tugend, sondern eine göttliche Strafe. Im Matthäusevangelium wird daher derartiges auch nicht berichtet. Also wir finden Textüberlieferungen, die unabhängig von der hörenden Gemeinde und die den Evangelisten vorliegenden Quellen waren. Diese Passagen nennen die Bibelkritiker die Logienquelle. Diese Erzählungen, Zitate, Textverweise sind den Autoren so wichtig, dass sie sie unabhängig von redaktioneller Bearbeitung und kultureller Anpassung in ihre Werke aufnahmen. Die Exegeten gehen davon aus, dass diese Logienquelle auf die mündliche Weitergabe tatsächlicher Jesusworte zurückgeht.

Liebe Gemeinde,

sie ahnen, worauf ich hinaus will: die Erzählung vom armen Lazarus, die nur bei Lukas zu finden ist, ist nach meiner Überzeugung auch eine solche aus der Logienquelle beigefügte Überlieferung.

Vordergründig geht es in der Beispielerzählung des reichen Prassers und des armen Lazarus um die Frage des gerechten Ausgleiches und bezieht sich auf die Tradition jüdischen Vergeltungsglaubens. Jesus erzählt: Gott schaut auf den Armen. Er kennt ihn und seine Not ist ihm wie ein Name bekannt. Der Reiche bleibt namenlos. Er steht für eine zu Jesu Zeit anerkannte Lebensweise. Seine Lebensmaxime, die in Jesu Zeit als achtungsvoll erschien, besteht aus prächtiger Kleidung, einem herrschaftlichen Auftreten und in ausgelassenen Gelagen sich und anderen zur Darstellung. Nach damals geltender Glaubenslehre der Vergeltung, war Reichtum Zeichen von Gottes Gnade und Armut bis hin zum Ausgeliefertsein dem Speichel schmutziger Tiere, als selbst verschuldetes Unrecht, und wenn nicht selbst herbeigeführt dann eben jenes der Vorväter. Jesus bricht mit seinem Gleichnis dieses Schema vermeintlich göttlicher Vorherbestimmung und predigt einen Gott, dem die Armen nahe sind. Und Jesus predigt einen Gott, der die strafen wird, die sich erheben als seien sie Gott selbst. Jesus predigt einen Gott dem es gilt, sich einzig hinzuwenden entschieden radikal. Nur der EINE ist Gott, nur der EINE ist Herr

Du sollst dir keine Götter neben ihm machen. Und so die Warnung Jesu: wo Reichtum vergöttlicht wird, straft der unendlich EINE mit höllischer Gottferne.

Liebe Gemeinde,

für die Hörer dieses Gleichnisses zur Zeit Jesu war diese Darlegung radikal theozentrisch, herausfordernd und arg gewöhnungs-bedürftig. Wir Zuhörer heute können dieser Spiritualität des Wanderpredigers aus Nazareth hingegen Einiges abgewinnen. 

Das eigentliche Thema des Gleichnisses für uns heute ist aber ein ganz anderes. Ein Thema, das wiederum den Hörern zur Zeit Jesu völlig selbstverständlich war, allerdings nicht und das das Bemerkenswerte daran, dass Lukas es so erzählt, den griechischen Gemeindemitgliedern seines Evangeliums. 

Der Reiche bittet, Lazarus solle seine Brüder warnen. Abraham aber sprach: sie haben Mose und die Propheten; auf die sollen sie hören. Meine Lieben. Der Ort der Glückseligkeit liegt im Schoße Abrahams, so die klare undeutbare Ansage Jesu. Die Zugehörigkeit zum Reich Gottes ist abhängig von der Einschossung Abrahams, von dem Bewusstsein aus seinem Schoss zu sein. Abraham begründet den Glauben an Gott den EINEN. Er ist die Lichtgestalt des Glaubens, der Vater Israels, dem die Verheißung gilt das Gottesvolk zu sammeln, ihm Heimat zu geben und im Bekenntnis des Gesetzes dem Völkerfrieden zu dienen.

Abraham gibt alle Selbstansprüche auf und ersetzt sie durch unendliches Vertrauen. In einer Zeit, da die Menschheit versuchte einen Turm bis zum Himmel zu bauen, korrumpierte Macht Formen ethischen Miteinanders untergrub und göttliche Gerechtigkeit ersetzt werden sollte durch selbst zum Himmel greifende Willkür, lässt sich Abraham herausrufen und tauscht menschliche Überheblichkeit und wahnhaften Narzissmus gegen die Utopie eines auf Gottes Wort begründeten Bürgerrechts. Er sagt sich von seiner Verwandtschaft los, von seiner kulturellen Heimat, ererbten Ansehen, und sicheren Bindungen und vertraut darauf, dass sein Einlassen auf Gottes Versprechen zu einem erdumspannenden Segen wird.

Abraham ist das personifizierte Glaubensbekenntnis des Schma Israel geschrieben an jedem Türpfosten Bewohner jüdischen Bekenntnisses (ich habe auch eine Mesusa an der Tür): 

Höre o Israel! Der HERR ist unser Gott alleine. Du sollst den HERRN deinen Gott lieben mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele und mit all deiner Kraft. Nimm dir diese Weisungen zu Herzen, die ich dir heute auftrage.

Abraham begründet den Bund mit dem EINEN, Mose verschriftlicht die den Menschen in Freiheit setzende Zusage Gottes mit dem Gesetz und die Propheten erinnern und mahnen, keinen Buchstaben dieses Gesetzes aufzugeben. So auch Jesus aus Nazareth:

Ich bin nicht gekommen das Gesetz aufzulösen und bis Himmel und Erde vergehen wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen. Seine Jünger haben gerade dieses Jesuswort bereits 10 Jahre nach seinem Tod ins genaue Gegenteil verkehrt.

Worin sieht Jesus Frieden und Erlösung für all diejenigen, die ihr Heil in den selbstgemachten Gottheiten suchen? Hört auf Mose und die Propheten.

Ihr Lieben,

mal ganz ehrlich: außer dem ein oder anderen Vorurteil; was wissen wir eigentlich noch vom mosaischen Gesetz und von den Predigten der Propheten? Das aber und nichts anderes waren die Orientierungspunkte des Mannes aus Nazareth, daran bemisst sich unsere Abrahamskindschaft für eben den Jesus, der seine Berufung darin sah die verlorenen Schafe des Hauses Israel zu sammeln.

Jesus aus Nazareth begründete keine exklusive neue Religionsgemeinschaft, sondern sehnte sich nach einer Erneuerung des Volkes Israel nach dem Vorbild des Glaubens Vater Abrahams. Unser Leben sollte sein wie das seine, nämlich einzig von Gottes Wort besessen und das Unglaubliche glaubend. Den Hörern seiner Gleichnisse war das sehr eingängig. Uns hingegen nach 2000 Jahren Kirchengeschichte hingegen fremd.

Wir, die sich göttliche Abbilde schufen in Form des mörderischen Henkerholzes, obwohl das Gesetz Bilder Gottes klar verbietet und wir, die wir uns als Hirten und Väter ansprechen lassen, obwohl es nur einen Vater und den einen Hirten gibt, wir, die wir uns theologisch als Neues Gottesvolk betrachten, derweil der Unaussprechliche seinen Bund mit Israel ja nie aufgekündigt hat, wir Christen müssen uns viel stärker mit unserer Abrahamskindschaft und unserer jüdischen Verwurzelung und sicher auch notwendigen Rückbesinnung  darauf auseinandersetzen, so meine tiefe theologische Überzeugung. Wir kommen doch an diesem Jesuswort nicht vorbei: selbst wenn einer von den Toten auferstände, überzeuge dies niemanden ein gerechtes Leben zu leben wenn er nicht auf Mose und die Propheten hört. 

Meine Lieben,  

Jesu Gleichnisse recht verstanden hatten damals wie heute eine enorme ausdrucksstarke Tiefe und erstarrte Religionssysteme erschütternde Sprengkraft. Die uns tradierten und oft auch lieb gewordenen Gottesbilder müssen sich auch heute erschüttern lassen, wie durch einen heftigen Sturm um wirklich den Glauben Abrahams zu teilen, der sich ja ausschließlich auf das Wort des für uns Unaussprechlichen verließ. Um uns von Gott wie Abraham herausführen zu lassen aus Strukturen von Selbstbezogenheit und Ausbeutung ohne erkennbarer Sättigungsgrenze und in Gottes Land der Freiheit zu leben, sollten wir uns einzig auf sein Wort verlassen geschrieben durch Mose, ermahnt durch die Propheten und daran erinnert durch Jesus von Nazareth. 

Komm oh komm du Geist der Wahrheit und erneuere dein Volk Gottes. Olivier Messiaens pfingstlicher Sturmwind ist die passende musikalische Antwort auf meine Predigt.

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