Ein Brief an Jesaja

Lieber Prophet Jesaja,

und eigentlich bist nur nicht einer, sondern drei.

Denn hinter dem Verfassernamen der ersten 39 Kapitel deiner sprachgewaltigen Analysen, Bekenntnisse und Ermahnungen aus dem 8. Jahrhundert vor Christi Geburt haben noch zwei weitere Propheten 28 Kapitel später hinzugefügt und sich deiner Prominenz bedient. Du wirst es ihnen verziehen haben, es diente ja einem guten Zweck. Bleiben wir also bei dem Namen auch wenn du, Autor des heutigen Predigttextes, 200 Jahre alt geworden sein müsstest, um den eigentlichen Jesaja begegnet zu sein. Der warnte noch davor, was du bereits als dunkle Geschichte hinter dir lassen konntest: das babylonische Exil.

Also lieber Jesaja,

zunächst Danke für deine kernigen und deutlichen Worte. Du beweist wieder einmal, wie zeitlos deine Kritik ist und erweckst nicht nur in mir erneut großes Erstaunen darüber, wie wenig sich die letzten 2500 Jahre bei deiner Leserschaft, den Söhnen und Töchtern Jahwes verändert hat.         Folgendes: das mit der Posaune läuft heute etwas anders. Also heute blasen wir nicht mehr ins Shofahorn. Will man sich heute Gehör verschaffen, muss man ins Internet, muss man erfolgreiche Podcasts produzieren oder zumindest 2x im Monat in einer Talkshow im öffentl. rechtlichen Fernsehen auftreten. Und wer möchte, der findet dort auch die mahnenden Stimmen – Klimaforscher, Meteorologen, Virologen, Botaniker, Ökologen und und und…auch schon mal Theologen, aber die sind gerade nicht so im Trend, die haben Glaubwürdigkeit verspielt. Nicht alle versteht sich, aber du hast damals ja auch gerne etwas undifferenziert alle Priester zu Scharlatanen erklärt. Das ist auch heute noch so, Mann und Frau auf der Straße nehmen den Klerus gerne in Kollektivhaftung für das Versagen der Religionsbehörden, Gerechtigkeit zu leben und die spürbare Nähe Gottes erfahrbar zu machen. 

Die Klagen des Volkes heute sind ähnlich denen, auf die du geantwortet hast:

Wir tun doch schon so viel: wir fasten, wir kasteien uns. Wir geben Unsummen Geldes aus, für bewusste Ernährung, was auch immer das sein soll, klingt aber gut und ist für Wellnessunternehmen profitabel, wir diäten uns schlank und das auch noch schmackhaft, auch das hat natürlich seinen Preis, wir besuchen Achtsamkeitseminare und Fastenwochen, wir lernen zu „entschlacken“, wobei kein ernst zu nehmender Mediziner zu erklären weiß, was „Schlacke“ eigentlich sein soll. Und ja, da schließe ich mich deiner zeitlosen Kritik an: Geht es bei heutigem Fasten wirklich um Verzicht oder nicht oftmals um ein hippes Lebensgefühl und eine Form von „das gönn ich mir“?

Fasten heute erscheint mir weniger als Konsumverzicht, als vielmehr als weiterer Luxusartikel einer von der Industriegesellschaft beschädigten und auf Sinnsuche befindenden besserverdienenden Avantgarde. Wer heute an Fastenseminaren teilnimmt, der kann es sich leisten.

Das heutige Fasten hat wenig Aussichten, Gottes Nähe zu erspüren, noch die Ausrichtung im Maßhalten, neue Maßstäbe zu entdecken. 

Lieber Jesaja,

du hast ja so Recht, wir fasten, gehen aber weiter unseren Geschäften nach. Wir leiden an der Zerstörung von Lebensraum und meinen, Gott sei fern, weil wir nicht bereit sind, für das Recht Gottes zu leben.

Ein bewusstes arm werden innerlich wie äußerlich, ein bewusster Verzicht hat nämlich keine Ich, sondern eine Wir Dimension. Das ist Recht. Verzichten auf – sich arm machen für – ist nichts Privates, sondern sollte eine kollektive Ausrichtung haben. Das eigene Leben und erst damit auch das gesellschaftliche, verändert sich dann, wenn es mir grundsätzlich nicht weiter um Ausbau und Erhalt privaten Luxus` geht, welcher ohnehin nur die Anhäufung von Überflüssigkeiten ist, sondern ich Luxus definiere, als etwas allen Lebens Förderlichen. Inneres wie äußeres Fasten heißt bewusster Verzicht von Gütern, die unserer Natur und unseren Millionen Lohnsklaven auf der Welt Schaden zufügen. Im Letzten ist Fasten ein bewusstes Gegenkonzept kapitalistischer Wachstumsideologie und damit auch politisch. Ein Fasten wie es Gott gefällt, ein Fasten, wie es göttliches Recht zu Recht verhilft, ist politisch.

Wir klagen und jammern über den Zustand der Welt, gehen aber weiter unseren Geschäften nach, globaler Raubbau am Leben.

„Lass ab, die du mit Unrecht gebunden hast“ forderst du“ aber Schuldenerlass für die Ärmsten ist auch heute noch kein Thema. Die Industrienationen genießen die Schuldzinsen, die nie erlöschen, da die Lasten kolonialer Versklavung, ein eigenständiges Leben von ¾ der Weltbevölkerung unmöglich machen.

„Brich dem Hungrigen dein Brot“ was machen wir? Wir brechen nicht unser Brot, wir spenden Krümel.

Lieber Jesaja,

du beklagst, dass Israel nichts aus verfehlter Politik und dem Babylonischen Exil gelernt hat. Werden wir aus Klimakrise und Pandemie lernen frage ich mich? Wir sehnen uns nach Normalität, nach Perspektive, nach Wegen aus dem Elend,

verdammt, du hast schon vor 2500 Jahren ins Horn geblasen, dass dies nur funktioniert, wenn alle Elenden sich in diesem Leben auf unserer Mutter Erde wirklich Zuhause fühlen.

Unsere heutigen Stars auf der Prophetenbühne mahnen uns, dass Co2 Austoss nur in den Griff zu bekommen ist, wenn wir aufhören, auf Kosten Anderer zu leben, wenn wir uns von regionalen Produkten ernähren, tierisches Leben respektieren, Schöpfung bewahren. Virologen predigen der Politik, dass die Pandemie erst im Griff ist, wenn auch der indische Wanderarbeiter Zugang zu den Covid Impfstoffen erhält. Werden wir unseren Propheten heute mehr glauben, als deine Zuhörer vor 2500 Jahren?

Jesaja, du bist kein Gegner des Fastens, sondern du lehrst, das Fasten grundsätzliche Perspektiven ändern muss, sonst verbleibt es im Oberflächlichen. Sehnen wir uns ernsthaft nach aufbrechender Morgenröte, in eines jeden Lebenswirklichkeit, dann und das macht dich Jesaja nicht nur zu einem Mahner, sondern auch zu einem Visionär, dann wird auch unserem Planeten Heilung zu Teil. Heil kann werden, wo Gerechtigkeit blüht.

 Jesaja, dafür mag ich dich so sehr, du bist und bleibst aktuell.

Sich selber ärmer machen, für eine uns verbindende Gerechtigkeit auf Erden, könnte ein radikaler Paradigmenwechsel sein, sich in der Tat von Seelenschlacke zu befreien und ein neues Miteinander auf unserer Mutter Erde zu begründen.

Jesaja, seit 2500 Jahren übernimmst du den Dienst, uns immer wieder zu rütteln und zu schütteln, um uns aufzuwecken. Ich erlaube mir, deine Worte aufzugreifen und es dir ähnlich zu tun. Ich weiß nicht, wie es dir zu Lebzeiten mit deiner Predigt erging. Ich ahne aber, wie es mir mit der meinen ergehen wird.

Du hast das Schweigen Gottes aushalten müssen, weil es zu deinen Lebzeiten so fern der Gerechtigkeit Gottes blieb wie auch zu meinen.

Aber du warst davon überzeugt und das trieb dich an, dass wenn unsere Sehnsucht wahr wird, wenn die Gerechtigkeit Gottes verwirklicht ist, es empfindbar ist, als wenn alle Lebensfinsternis dem warmen Glanz der aufgehenden Sonne weicht.

Wie zauberhaft und unendlich tröstend ist deine Ahnung, dass Gott mir dann antwortet:

hier bin ich

Ich weiß nicht, wie es dir ergangen ist, ob du sehr gefrustet warst ob vermeintlicher Zwecklosigkeit deiner Worte und ob du gar wie dein Kollege Elija dich nicht auch gerne unter einen Busch gelegt hättest in der Meinung – Entschuldigung-  ist doch alles scheissegal…?

Aber du wirst nicht müde, dich in diese tröstende Gottesunmittelbarkeit zu träumen- in die Nähe Gottes des hier bin ich.

Und mein lieber Freund Jesaja, das ist das Großartigste an dir: du verlierst nie die Hoffnung. Und darauf mein und unser

AMEN

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