Die Hochzeit zu Kana

Am Anfang der Wundererzählungen im Johannesevangelium steht die Geschichte von der Hochzeit zu Kana. 

Angesichts all der Not in der Welt, von Seuchen Terror, Schmerz, Hunger und Durst erscheint es mir fast lächerlich, dass Gott seine Kraft dafür hergeben mag, irgendeinem Bräutigam, dem der Wein ausgeht, nachdem seine Gäste allerdings offensichtlich alle schon bis zum Anschlag genug getrunken haben, Wein herbei zu zaubern, und zwar weitere 600 Liter.

Liebe Gemeinde,

in dieser Erzählung geht es daher auch gar nicht um irgendeinen „Hokuspokus“, einen Partyspaß oder eine die Naturgesetze außer Kraft setzende Demonstration, sondern es geht um die Verwandlung des Lebens selbst. Deshalb steht sie wie programmatisch am Anfang des Evangeliums. Wasser, Wein und die leeren Krüge sind Traumbilder für so viel mehr. Die Hochzeit ist seit dem Mensch sich in Sprache auszudrücken vermag, ein Bild für die Einheit des Menschen mit sich selbst, für die Verschmelzung von Geist und Körper, von Seele und Leib, von der Klarheit und Strahlkraft des Gottes Apoll und der Lust und Triebkraft des Gottes Dionysos. Hochzeit ist die Einheit der äußersten Gegensätze. Wenn ein Mensch selber aus den Kontrasten seiner Seele zur Harmonie findet, wenn der Himmel die Erde berührt, wenn Gott und Mensch aufhören einander unverständig gegenüber zu stehen dann ereignet sich dieses Liebeslied der Welt, dann feiert der Mensch Hochzeit, dann verschmilzt das All zu einer klangvollen Symphonie.

An diesem Tag der Hochzeit, so die Dramaturgie der Erzählung, geht das Mittel zur Freude, der Wein, aus. Maria seine Mutter, der Mensch, in der das Göttliche Substanz angenommen hat, die Gottesgebärerin, sie macht Jesus auf den Mangel aufmerksam. Etwas schroff gibt der Sohn zur Antwort: „meine Stunde ist noch nicht gekommen

Jeder der den Satz liest oder hört, weiß um seine Bedeutung, weil wir alle auch die ersten Hörer des Evangeliums vor 2000 Jahren wussten, wie die Geschichte Jesu ausgehen wird. Die Stunde des Gott-sohnes ist die Stunde auf Golgatha:

Herr, es ist vollbracht!“ 

Auch hier wird Maria wieder an seiner Seite sein. Göttliches Leben begegnet der Tiefe des Todes. Unendlicher Schmerz wird eins mit unendlicher Liebe. Die Ausweglosigkeit des Todes wird verwandelt in ein Leben in Fülle. Mehr Fisch können die Jünger nicht fischen, als mit dem Auferstandenen Jesus in ihrer Mitte. Das ganze Evangelium zieht diesen Spannungsbogen: mit dem Glauben an Jesus Christus verwandelt sich unser ganzes Leben und zwar grundsätzlich.

Wir müssten zunächst nur eines tun, so sagt Maria den Hausdienern in Kana:

„Was er euch sagt, das tut.“

Das Wunder der Verwandlung geschieht, wenn Menschenwille sich loslässt und verschmilzt mit Gotteswillen. 

Das Wunder der Verwandlung geschieht, wenn ich das scheinbar faktisch gesicherte, das was sich aber entleert, bereit bin einzutauschen gegen die Vision des Lebens in Fülle, gegen das Eintauchen in den unendlichen Rausch der Liebe.

Das Wunder der Verwandlung geschieht, wenn ich dem Gottesfunken in mir die Möglichkeit gebe sich zu entwickeln.

Hierfür muss ich zunächst gar nicht viel tun: ich muss Gott nur meine leeren Krüge hinstellen.

Liebe Gemeinde,

wenn ich die Hochzeit in Kana verstehe als die Vermählung von Himmel und Erde, zwischen Gott und Tochter Zion, zwischen dem Alldurchwirker und mir Bodenbehaftetem, dann werden auch die Requisiten dieser Erzählung zu Bildern.

Ich bin der Bräutigam ohne Wein

Und meine Krüge für das Reinigungswasser sind leer. Hier wird ein bestimmtes Lebensgefühl beschrieben: nämlich Scham, Blamage und Enttäuschung. Der hier beschriebene Charakter hat eine negative Selbstwahrnehmung; ich hab’s nicht, ich bringe es nicht, ich kann es nicht. Ich meine, was ich den anderen zu bieten habe, sei nicht genug.  Als wäre ich ein leeres Gefäß, gefüllt war es nie, Mittelmaß und das, wo doch ringsum allen anderen alles zu gelingen scheint. 

Da ist z.B. die junge Frau, die schon mit Anfang 20 am Stock geht wegen einer Nervenentzündung. Für Drittzuschauer gilt sie als bockig, für ihre Krankenkasse als Katastrophe, für Freunde als Belastung. 

Da ist der Mann, der von Kindheit an meint, Liebe muss verdient werden. Seine Firma nutzt ihn aus, weil er stets mehr gibt um Erfolg zu spüren, doch Anerkennung bleibt ihm verwehrt, weil jedes Lob ihn nicht beruhigt, sondern Druck macht, noch besser sein zu müssen. 

Da ist die Frau, die ständig mit ihren Versagensängsten kämpft. Sie fühlt sich wie die Müllerstochter im Märchen Rumpelstielzchen, die aus Stroh Gold machen soll. Ein ganzes Leben rinnt dahin jahrein jahraus unter Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.

Da ist die Mutter, die sich beruflich nicht verwirklichen konnte. Sie war den Prüfungsbelastungen nicht gewachsen. Ihre Selbstverwirklichungsversuche in verschiedenen Gebieten zieht sie mit Perfektionssucht durch, weil sie gegen ihr Gefühl nicht ankommt, alles was sie tue bliebe laienspielerhaft. Maßlose Wut gegen sich und andere entzieht ihr jede Liebenswürdigkeit. 

Da ist die Witwe, die ihr Leben lang meinte ihr Lebenskrug sei voll, wenn sie sich denn stets für ihren Mann zurücknähme. Und nun da er nicht mehr da ist zieht sie ein Resümee nicht gelebten Lebens. Im Nachhinein meint sie, alles falsch gemacht zu haben.

Da ist der Familienvater, den eine Ahnung umtreibt, wie das Leben sein könnte. Aber er hat Familie, er hat Verpflichtungen. Er fährt Karussell und kann nicht abspringen. Manchmal träumt er sich weit weg, um dann doch wieder sich zu schwindeln im drehenden Alltag. 

Da ist der alternde Mensch, der durch die Kontaktbeschränkungen nun noch viel intensiver die innere Leere und Einsamkeit verspürt und den die stumme Stille erdrückt. Wer ist mir jetzt nahe? Wie mich befreien aus der Isolation?

Und ich sehe auch mich selbst. Bald 25 Jahre lebe ich als Seelsorger für die Gute Nachricht Gottes, was hat es gebracht? Es erschöpft mich, ich sehe keine Fortschritte, nur Mühsal und immer weniger Erfolgserlebnisse und Freude.

Liebe Gemeinde,

jeder von uns ist dazu bestimmt Hochzeit zu feiern, Einheit,
nichts mehr abzuspalten von dem was einen auszeichnet,
zu verschmelzen mit dem Bild Gottes das in mir schlummert,
dass ich erahne und
das in meinen Tagträumen zu leben wagt.
Wie abgetrennt komme ich mir manchmal vor, von der eigentlichen Person, die ich sein möchte und das Leben geht weiter an mir vorüber,
ewig Vertanes und Trauer.

Das sind die leeren Krüge.

Ich müsste, so sagt die Erzählung nichts weiter tun, als die leeren Krüge Gott selbst zu überlasen. Er füllt sie mit dem Wasser der Reinigung.

Es kann passieren, wenn wir ehrlich auf das eigene Leben schauen,                                    wenn wir reflektieren, wo wollte ich mal hin und wo stehe ich jetzt,                                                          wenn ich so mit Gott ins Gespräch trete oder mit einem guten Engel den er mir zur Seite stellt, dass sich meine Krüge mit Tränen zu füllen beginnen. Unsere Tränen haben in der Tat etwas Reinigendes. Sie sind Folge des ehrlichen Blickes und verhindern den Ungeist des Zynismus. Wer vermag zu weinen, lässt sich berühren. Vielleicht sogar berühren von der Möglichkeit zur Verwandlung.

Unsere Einladung als Christen ist es eben nicht, wie es in einem beliebten Kirchenlied heißt, wir das Jammertal des Lebens demütig und auch noch dankbar hinnehmen. Im Gegenteil, Gott lädt uns ein zu einem Prozess der Verwandlung. Die bitteren Wasser des Lebens sollen sich wandeln in berauschenden Wein. Wenn ich denn erkennen möge, dass mein Gefühl des nicht Genügens, des Klein- und Leerseins, der Überforderung und der Entfremdung von mir selbst, das Gefühl der Entwertung nichts, aber auch gar nichts mit meiner Person zu tun hat, die ja in den Augen Gottes unendlich groß und unbeschreiblich phantastisch ist, sondern nur mit Maßstäben, die in meinem Kopf sich festsetzten gesät von Erziehung, Angst und abwertender Normierung anderer.

Unser Leben auf Erden sei wie eine Hochzeit, dies ist die Botschaft der Erzählung im Johannesevangelium.
Dort wo ich Trost verspüre
in der Möglichkeit mehr aus meinem Leben zu machen,
Schritte zu wagen, dem göttlichen Bild in mir ähnlicher zu werden, darf ich auch denen, die auf meinerHochzeit herumwuseln die eigene Verwandlung zumuten.

Ungelebtes darf sich wandeln in Lebensrausch.

Vorher prüfe ich die Möglichkeiten,
akzeptiere ich die Risiken,
wähle den richtigen Zeitpunkt und
vertraue auf die Einheit mit Gott.
Viel öfter, als wir es tun, können wir auch beten, um gute Entscheidungen.

Liebe Gemeinde,

unser Leben ist Verwandlung.

Über jedem von uns ruht das unbesiegbare Versprechen der Erlösung. Meine Entscheidungen ausgelöst von Angst und Verdrängung kann ich zurücknehmen und mich dem Willen Gottes überlassen. „Was er euch sagt, das tut“.

Alles was zu mir gehört, übergebe ich Gott. Meine vielen Bedenken lasse ich los und lebe die Person, die ich immer schon lebe wollte, denn das ist Gottes Verwandlung für mich. Nur in diesem Überlassen, werde ich mir selbst gehören. Und Gott spricht zu mir nicht in den wirren Erwartungen anderer, sondern in der in mir ruhenden Verheißung auf hochzeitliches Leben. Nur in diesem Überlassen kann Gott dann zu seiner Stunde meine eigentliche Verwandlung erwirken.

Der entscheidende Zeitpunkt der Verwandlung ist ja nicht die Hochzeitsfeier im Leben. Dies ist ein Entwicklungsprozess. Die Stunde, die für jeden von uns kommt und uns nicht mehr von Angst, vielmehr von tiefem Trost sein darf, ist die Stunde unseres Todes.

Jesus erwirkt jedem von uns in Tod und Auferstehung die Verwandlung von irdischem Leben in Göttliches Leben. Daraufhin leben wir Christen.

Alle unsere Lebenswandlungen haben dieses Ziel: leben in unendlicher Einheit mit dem Grund und Ursprung von Allem. 

Es tut gut in Einheit mit Gott zu sein und die eigenen Unvollkommenheiten aufgehoben zu wissen in dieser unverrückbaren Zusage: mein Leben sei eine Hochzeit, Jetzt und in Ewigkeit

Amend

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