Die Heilung des Taubstummen

Um menschlich zu leben, muss ein Mensch sprechen dürfen. Menschen vermögen es in Worten selbst eine ganze Welt zu werden und jene anderen zu schenken. 

Sprache formt sich aber nur, wenn miteinander gesprochen wird. Und menschlich begreifen sich Wörter erst wenn Bilder und sinnhaftes Geschehen selbst in Worte geformt werden können. Die Heilungsgeschichte, die wir gerade gehört haben, beschreibt eindrucksvoll, dass hierzu mehr als gutturales Vermögen oder logopädisch Trainiertes gehört. Die Bitte, Jesus möge dem Taubstummen die Hände auflegen, ist ein zentrales Seelenbild ausgedrückt in einem Ritual, das ich auch gleich dem Täufling schenke. Gott eröffnet dir einen Raum. Die aufgelegten Hände sind kein Deckel. Sie bilden vielmehr einen schützenden, bergenden Raum gegen alle Angst, Ausgesetztheit und Einsamkeit. Vor allem ist dies: du darfst sein.

Seit den Anfangstagen der Menschheit, so die mythologischen Erzählungen der Bibel, ist die menschliche Sprache in Unordnung geraten. Menschen verstehen einander nicht, Ausdrucksformen haben sich entfremdet, Sprache bedarf der Übersetzung. Und alltäglich müssen Menschen aufwachsen im Empfinden, dass im Verlauf von Erziehung, Bildung, Anpassung, Bereiche von Sprachentwicklung ihnen entzogen werden. Wir kennen alle die Redensarten: 

du hast hier gar nichts zu sagen

halt jetzt den Mund

sei nicht so vorlaut

was hast du denn jetzt schon wieder

wenn Erwachsene reden, haben Kinder zu schweigen

Wir nennen das Erziehung!

Gewöhnt haben wir uns an Phrasen wie:

du bist wohl verrückt

geht das schon wieder los

was du immer redest

jetzt habe ich aber genug

und nicht ohne Grund ist es Jesus, der in der Bergpredigt ermahnt: wer seinen Bruder einen Idiot nennt, soll dem Gericht verfallen. 

So miteinander reden, vermag Selbstvertrauen zu erschüttern. Unser Selbst lebt in permanenter Infragestellung. Das ist anstrengend. In vielen Situationen wurde uns gelehrt, nicht an die Möglichkeit zu glauben, dass in den eigenen Worten, Wahrheit leben könnte. Vieles haben wir uns verboten uns selbst und anderen zu sagen. Dieses Verstummen macht uns auch taub, für das stammeln der anderen. 

Liebe Gemeinde,

Zerstörung der Sprachfähigkeit kann man auch indirekt auf dem Wege moralischer Verbote erreichen. Man kann ganze Teile des eigenen Körpers zum Nicht Auszusprechenden deklarieren und damit viele Bereiche seelischer Empfindungen für unanständig, ungehörig und damit unaussprechlich erklären. Die Kirche war Meisterin darin jahrhundertelang und viktorianisch- bürgerliche Moral setzte im 19. Jahrhundert noch einen drauf. 

Wenn wir die Regeln, die wir Erwachsenen uns daraus gebastelt haben in handfeste Formeln zusammen fassen: greife nie ein wirkliches Gefühl des andern auf, denn sonst gerietest du in Gefahr, dass du ihn entweder bloßstellen würdest oder ihm anbietest, ehrlich zu antworten, was einen selbst dann völlig überfordern würde. Verlautbare auch von dir selbst selten Wesentliches, sonst könntest du dich evtl. blamieren oder du gilts in Augen anderer als schwieriger Fall. Gefühlsäußerungen immer nur diplomatisch, überlegt und reduziert in anständiger Heuchelei weitergeben. Und vor allem: vermeide es, den anderen ernsthaft zu berühren. Auf Sylt haben wir es perfektioniert: den aneinander vorbeiredenden Smalltalk. Wir reden über Wetter, DB, Speisekarten, Klamotten Corona Regeln…nur nicht von einem selbst. So sind auch wir zunehmend taubstumm. Wir sind in Normen gefangen.

Deshalb wohl geschieht wahre Heilung nur abseits der Menge, abseits von Gerede und Konvention. Jesus nimmt den Taubstummen zur Seite weg von der Masse mit ihrem Geraune wie es anständig wäre.

Und dann entfernt des großen Haufens, öffnet sich auch über des Taubstummens Stirn die Weite des Himmels. Zu ihr blickt Jesus auf und betet um Rettung.

Jesus schenkt dem Taubstummen zunächst sein eigenes Terrain, eine Raum, in dem er einfach leben kann, nicht schreckgebannt und angestarrt. 

So stumm wie der Kranke selbst ist Jesu Geste der ausgestreckten Hand an Ohr und Mund. Was Menschen zu heilen vermag in ihrer Sprachlosigkeit, das ist Zärtlichkeit und Nähe so nah wie Speichel nicht verächtlich hingespuckt, sondern liebevoll vergossen. Mehr als alle Vorschriften und Ermahnungen vermag diese intime Berührung. So wendet sich Jesus an den Himmel und betet zu Gott der Ursprung seines eigenen Vertrauens ist: ephatha – öffne dich

Bis heute verstummen Menschen, weil andere sie nicht zu Wort kommen lassen und dabei werden sie dann auch taub für die Regungen des Herzens.

Ephatha – öffne dich

Wie damals am Ufer des See Genesareth dieses Wort gesprochen worden ist, soll es sich fortsetzen unter allen, die an ihn glauben. Wie er sprach, so sollen auch wir weitersprechen. Am Täufling vollzieht sich gleich dieses Ritual. Öffne dich! In eines Jesusgläubigen Nähe darfst du deine eigene Sprache finden, musst nicht im Chor der Claqueure einstimmen, kannst deine Melodie ins Leben weben. So wie der Mann aus Nazareth können auch wir einander begegnen, Hände reichen, göttliche Geborgenheit weiterschenken. Was brauchen wir das Versteck der Taubstummheit, wenn Gott beginnt durch uns zu reden. Was in dir zur Sprache kommen will, weil es ein wahrer Teil von dir ist, verdient es, gesagt zu werden. Was Jesus war für die Welt, und wie der Prophet Jesaja es ersehnte, bezeugen wir durch das Ephatha das wir sprechen: den Tauben gibt er das Gehör und den Stummen die Sprache.

AMEN

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